Ich sehe nichts. Oder anders: Ich sehe keine andere Menschen. Ich sehe sie nicht und ich höre sie auch nicht.
Ein wunderschöner Strand und ich bin ganz alleine, genieße die Stelle – sauge sie förmlich auf. Die Luft riecht nach Meer, nach Atlantik – vertraut und doch irgendwie anders. Es ist der Atlantik, der sich vor mir auftut; allerdings der Nordatlantik, fast schon das nördliche Polarmeer. Ich stehe in Norwegen, am Strand von Sommeroy.

Ziemlich genau ein Monat ist es her, dass ich das letzte Mal an einem Strand war. In Israel, in Tel Aviv. Ich habe im Bikini in der Sonne gelegen, die Wellen beobachtet und mich immer mal wieder in den kühlen Fluten erfrischt.
Jetzt ist es anders. Um nichts in der Welt möchte ich meine Schuhe ausziehen, nicht mal meine Handschuhe. Es bläst ein eisiger Wind und ich habe so eine Vorstellung darüber, welche Temperatur das Wasser hat, das in kleinen Wellen auf mich zuschwappt. Es friert nicht zu hier, das Meer bei Tromso. Der Golfstrom hält  es – verhältnismäßig – warm. Zu warm um zuzufrieren, immerhin. So warm, dass sich in den Buchten und Fjorden immer wieder Wale blicken lassen, die hier überwintern. Warm, aber doch zu kalt um den Wunsch in mir zu wecken meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen.

Vom Strand aus geht es weiter, auf einen Berg. Der Aussicht wegen.
Ich muss mich immer wieder überwinden richtig raus zu gehen. In die Natur. Wenn ich dann da bin, finde ich es wunderschön. Klettere gerne auf Berge um den perfekten Blick zu bekommen. Die Überwindung ist es immer wieder wert. Für einen Moment schimpfe ich mit mir selbst, weil ich – entgegen der Empfehlung – keine Trecking Schuhe eingepackt habe, ich habe ganz normale Biker Boots aus Leder an. Die Sohle ist nicht wirklich geeignet für das unwegsame Gelände. Egal. Der Ausblick ist es wert. Mehr als wert.

Der Reiseführer sagt, ich soll zum Sonnenuntergang auf eine Klippe klettern. Aha, nun gut. Ein paar Nächte zuvor war ich schon mal an dieser Stelle – um Nordlichter zu sehen. Da haben wir allerdings nur das Auto auf dem Parkplatz abgestellt und die Stative aufgebaut. Bei Tageslicht offenbart sich mir die komplette Schönheit der Landschaft, zum wiederholten Mal an diesem Tag bin ich sprachlos. Beeindruckt von der wilden Natur, davon wie ungezähmt Europa sein kann.

Als ich aus dem Auto aussteige entdecke ich eine Herde Rentiere, vielleicht dreißig Tiere. Ich ärgere mich, dass ich das Teleobjektiv nicht mitgenommen habe – ich hab am Morgen nur an Landschaften gedacht, nicht an ihre Bewohner. Gleichzeitig freue ich mich, dass ich die Begegnung mit den wilden Tieren genießen kann ohne über Brennweite und Belichtungszeit nachzudenken. Für einen Moment setze ich mich auf den weichen moosbewachsenen Boden und beobachte die Herde: Kühe mit ihren Jungtieren, ein stolzer männlicher Anführer. Ich beobachte aus der Ferne und genieße.

Ein paar hundert Höhenmeter gibt es zur Klippe zu überwinden, ein kurzer Aufstieg – vielleicht zwanzig Minuten. Ich komme im perfekten Moment oben an; die Sonne geht hinter einer vorgelagerten Insel unter und taucht den Himmel in ein Farbenschauspiel aus rot, orange und rosa. Ich bin sprachlos, schon wieder. Norwegen begeistert mich.