Samstag-Abend habe ich eine Doku gesehen. Über das Fyre-Festival.
Darüber, wie man mehr oder weniger ohne Grundlage, mit einem Promo-Video, einem Foto-Shooting auf den Bahamas und einigen Influencern einen Traum verkaufen kann, der sich im Nachhinein als Alptraum und absolut haltlos herausstellt.
Und ich habe mich gefragt, welche Verantwortung die Influencer und Models tragen, die ganz zu Beginn für die Veranstaltung geworben haben. Ich habe mich gefragt, welche Verantwortung ich Euch – meinen Lesern – gegenüber trage.

Eines vorweg: Die Doku ist ein wenig beängstigend und erschreckend. Am Samstag-Abend haben wir uns noch lange darüber unterhalten und auch am Sonntag ist das Thema immer wieder aufgepoppt.
Erschreckend aber nicht, weil ein junger Entrepreneur einen Gruppe von Investoren um jede Menge Geld betrogen hat. Auch nicht, weil er ein paar reichen Kids das Geld für ein (von Anfang an vollkommen überteuertes) Festival auf den Bahamas aus der Tasche gezogen hat. Das ist in meinen Augen nur ein kleiner Teil, einer der fast zu vernachlässigen ist.
Sondern weil ein Traum verkauft wurde, den es so nicht gibt und nicht gab. Und weil das Fyre-Festival fast wie ein sozialwissenschaftliches Experiment wirkt, dass zeigt, wie schlecht es unserer Gesellschaft geht.

An einer Stelle in der Doku hat jemand gesagt “Das Fyre-Festival war wie ein wahrgewordenes Instagram.” Und dieser Satz fasst es für mich zusammen.
Einige Supermodels und Influencer haben mit den Veranstaltern auf den Bahamas ein Promo-Video und einige Bilder geshooted. Haben dann dieses Material in den Sozialen Netzwerken geposted. Und die Menschen haben tatsächlich geglaubt, dass das die Wahrheit ist. Dass sie auf das Festival-Wochenende ihres Lebens fahren würden, 6000 Menschen auf einer einsamen Insel auf den Bahamas. Sobald mal auch nur zwei Minuten darüber nachdenkt (und falls man schon mal bei einem Festival war), wird einem bewusst, dass ein solches Unterfangen – schon aus rein logistischen Gründen – nicht umsetzbar ist. Woher sollen denn auf einer einsamen Insel in den Bahamas Toiletten und Duschen für 6000 Besucher (und dann auch noch auf einem Luxus-Level) kommen? Wie soll die komplette Infrastruktur inklusive der verkauften und versprochenen Luxus-Villen aus dem Boden gestampft werden.

Ob das Festival von Anfang an als Betrug geplant war oder ob der Organisator des Fyre-Festivals sich einfach nur übernommen und ohne Erfahrung in der Organisation von Veranstaltungen dieser Größenordnung aus Verzweiflung die Zahlen gefälscht hat um Investoren zu weiteren hohen Investitionen zu bringen? Das wird sich wahrscheinlich nie komplett aufklären lassen.
Verkauft wurden Träume und Vorstellungen, vom Leben im Luxus, vom Feiern mit den großen Stars. Es wurde ein Bild von einem Lebensgefühl verkauft, dass es so nicht gibt. Und vielleicht ist das auch schon das Grundproblem. Das Grundproblem der Sozialen Medien.

Niemand interessiert sich für die Realität auf Instagram.

Niemand will auf Instagram sehen, dass die ungebügelte Wäsche seit Wochen im Schlafzimmer steht, weil einfach die Zeit fehlt sich darum zu kümmern. Niemand will sehen, dass du im Chaos Deiner Buchhaltung versinkst und zwei Tage durcharbeitest um den Jahresabschluss fertig zu bekommen. Keiner interessiert sich dafür, dass du am Sonntag ungeduscht und mit einem Pickel auf der Stirn versuchst Deine Inbox irgendwie wieder in den Griff zu bekommen und keiner will wissen, wenn Deine langjährige Beziehung am seidenen Faden hängt, weil du einfach nie zu Hause bist und man sich in zwei unterschiedliche Richtungen entwickelt hat.
Aber jeder nimmt an, dass du aus München im Winter jedes Wochenende auf den Pisten der Alpen unterwegs bist. Dass du ständig fancy frühstücken gehst, um die Welt jettest und nebenbei noch ein perfektes Apartment hast in dem wie durch Zauberhand immer frische Blumen stehen.

Ist nicht DAS die Grundlage und das Problem? Ständig frische Blumen und immer ein gemachtes Bett ist ebenso unrealistisch wie ein Luxus-Festival auf den Bahamas.

Welche Verantwortung tragen die Models, die für das Fyre-Festival geworben haben?

Für mich eine schwierige Frage.
Der Punkt, dass nur eines der Models die bezahlte Kooperation tatsächlich als Werbung gekennzeichnet hatte, ist nochmal ein anderer. Werbung ist zu kennzeichnen, Punkt aus.

Aber hatten die Models zum Zeitpunkt des Videodrehs Grund zu der Annahme, das Fyre-Festival wäre nicht durchführbar und sie würden für ein Event werben, dass sich als Betrug herausstellen würde? Schwierig. Wenn man davon ausgeht, dass die Models in der Verantwortung sind, nimmt man im Prinzip an, dass sich jeder Influencer zu jedem Zeitpunkt die Geschäftsberichte und Businesspläne der Unternehmen vorlegen lassen muss, mit denen er eventuell eine Zusammenarbeit plant. Selbst wenn man davon ausgeht, dass das in der Theorie gut klingt, ist uns doch allen bewusst, dass es praktisch gesehen vollkommener Humbug ist.

Und jetzt?

Im Besten Fall haben das (gescheiterte) Fyre-Festival und die Dokumentation auf Netflix vor allem einen Effekt: Dass in den sozialen Medien ein bisschen genauer hingeschaut und ein wenig mehr hinterfragt wird. Dass man sich klar macht, dass in den seltensten Fällen alles so ist, wie es scheint. Dass Reisen für Influencer gezahlt werden, dass Kleidung und Beauty-Produkte als PR-Sample kostenlos zugeschickt werden…dass nur wenige Influencer all das, was sie zeigen, auch wirklich bezahlen. Und dass es vor allem keine Schande ist, sich dieses Leben nicht leisten zu können – oder zu wollen.

Meine Verantwortung gegenüber meinen Lesern?
Ich bewerbe ausschließlich Produkte, Hotels, Reisen…die ich tatsächlich gut finde. Wenn sich in der Testphase eines Produkts herausstellt, dass es nicht funktioniert/nicht zu mir passt/nicht meinen Erwartungen entspricht, dann beende ich die Zusammenarbeit.
Bezahlte Kooperationen, gesponserte Reisen, PR-Sample…werden gekennzeichnet. So entsteht für meine Leser eine wichtigeTransparenz darüber, was ich mir selbst gekauft habe, wofür ich bezahlt wurde, was mir (kosten- und bedingungslos) zugesandt wurde.