Nein. Ich bin nicht angekommen.
Der Jakobsweg war für mich ein erster Schritt. Ein erster Schritt um herauszufinden, in welche Richtung meiner weitere Reise gehen soll. In welche Richtung ich mein Leben lenken möchte. Wohin ich will und mit wem. Der Jakobsweg ist der Start – nicht das Ziel.

Ich habe beim Laufen Antworten auf Fragen bekommen, von denen ich vorher gar nichts wusste.
Völlig ohne Erwartungen bin ich los gegangen. Keine Erwartungen – keine Enttäuschungen. Ich wollte sehen, was es mit mir macht auf diesem Weg zu sein. Im übertragenen und tatsächlichen Sinn. Was passiert mit mir, wenn ich 300 km laufe. Welche Gedanken mache ich mir, welche Fragen tauchen auf, welche Antworten werde ich finden.

Der Jakobsweg ist eine sehr persönliche Erfahrung für mich. Schon lange habe ich nicht mehr so viel Zeit mit mir selbst verbracht, schon lange war ich nicht mehr so auf mich, meine Wünsche, meine Bedürfnisse und mein Wohlergehen fokussiert. Ich habe Pausen gemacht, wenn ich mich danach gefühlt habe. Ich bin Abends auch mal um acht Uhr ins Bett, weil es sich für mich richtig angefühlt hat. Ich habe geweint, gesungen, gelacht und mich unendlich befreit gefühlt. Für jeden Menschen, der sich auf den Weg macht, werden die Erfahrungen andere sein. Und das ist großartig.

Aber angekommen bin ich nicht. Ich weiß gar nicht, ob das möglich ist in einer so kurzen Zeit.
Oder vielmehr: Was würde es bedeuten, wenn ich angekommen wäre? Angekommen an einem bestimmten örtlichen Ziel? Dann wäre ich angekommen. Jeden Abend an meinem Tagesziel, am Ende der Reise in Lindau.
Aber das örtliche Ziel hat für mich mit jedem Tag an Bedeutung verloren. Der Jakobsweg ist kein Marathon, bei dem du in einer bestimmten Zeit die Ziellinie überqueren willst. Vielmehr ist er für mich eine Reise zu mir selbst

Eine Reise zu mir selbst, bei der ich einige erste Erfahrungen machen durfte. Eine Reise, bei der ich mir über Wünsche und Bedürfnisse klar geworden bin. Und vor allem auch über Dinge, die ich nicht mehr will, die ich nicht mehr tolerieren werde und die keinen Platz mehr in meinem Leben haben. Aber eben auch eine Reise, die noch lange nicht abgeschlossen ist – sowohl im tatsächlichen, als auch im übertragenen Sinn. Ich möchte den Weg ab Lindau weiter gehen, Schritt für Schritt und Kilometer. Vielleicht komme ich irgendwann in Santiago an. Aber viel mehr bin ich mir ganz sicher, dass ich irgendwann bei mir selbst ankomme und meine innere Mitte finde.