Ich sitze an einem Tisch, einem Pressevent – es gibt fantastisches Essen und plötzlich stellt eine der Frauen am Tisch zuerst die komplette Sinnhaftigkeit von Influencern in Frage. Das sei ihr zugestanden, wenn sie sich auch einen seltsamen Ort für diese Diskussion ausgesucht hat. Im folgenden Satz stellt sie in Frage, ob über- oder untergewichtige Frauen überhaupt in der Öffentlichkeit stehen dürften. Und ob diese nicht einfach den Hate und das Bodyshaming aushalten müssten, das sie immer wieder trifft.

Zuerst bin ich mir nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden habe. Bin überrascht davon, dass eine Frau gegenüber anderen Frauen sagt, dass sie Bodyshaming in Ordnung findet.

Bodyshaming gibt es in meinen Augen in beide Richtungen: Sowohl „Du siehst so wahnsinnig dürr aus, iss doch mal was.“ als auch „boah, dass die sich traut mit der Figur überhaupt einen Bikini zu tragen“. Ist das eine schlimmer als das andere? Nein – beides ist absolut nicht zu akzeptieren.

Ich habe sie tatsächlich richtig verstanden. Zu dick findet sie unverantwortlich in der Öffentlichkeit. Zu dünn auch. Wir sprechen darüber, welche Körpertypen sie als zu dick oder zu dünn empfindet – ich bin schockiert nicht nur über ihre Wahrnehmung, sondern auch über die von ihr gewählten Worte. Ich bin fassungslos, dass sie findet ein jeder Mensch mit öffentlichen Profilen in den sozialen Medien müsse mit jedweder Reaktion rechnen und sie akzeptieren. Influencer gäben sich „zum Abschuss frei“ und wollten ja auch genau diese Reaktionen. Jemand der nicht mit sich im Reinen sei und Kritik wegstecken könne, würde sich ja nie in die Öffentlichkeit begeben.

Was viele Menschen offenbar nicht verstanden haben: Es gibt keinerlei Verpflichtung zu kommentieren (oder in DMs zu kommentieren), dass einem ein Outfit oder ein Körper nicht gefällt. Man kann im Internet etwas blöd finden, ohne dass man das kund tun muss. Schon gar nicht muss man Ausdrücke verwenden, die deutlich unter der Gürtellinie liegen.

Ich versuche zu argumentieren, andere Frauen am Tisch versuchen zu argumentieren. Das Gespräch dreht sich im Kreis. Und beschäftigt mich noch über Tage, immer wieder kehren meine Gedanken zurück zu dieser Frau, die so sehr gehated hat. Was ist das nur zwischen Frauen, gegen Frauen.

Oder mal ganz anders: Inwieweit ist es mein Problem oder mein Thema, wie irgendwer im Bikini aussieht. Oder in einer Hose. Oder in Unterwäsche oder wie auch immer.
Entweder folge ich einem Account für die bildliche Inspiration – einfach weil mir gefällt, wie der Influencer seine Bilder inszeniert. Oder weil ich mir Inspiration für meine nächste Reisen suche.
Vielleicht finde ich die Outfits richtig gut – dann macht es eventuell Sinn, dass ich Profilen folge, bei denen die jeweiligen Influencer einen ähnlichen Körpertyp haben wie ich. Muss aber auch nicht sein.

Aber das wunderbare an Social Media ist ja das Folgende: Wenn mir etwas nicht gefällt, dass ich sehe – dann kann ich dem Profil ganz einfach entfolgen. Ich muss den Content nicht sehen, wenn er mich nicht interessiert. Wenn er mich ästhetisch nicht anspricht, wenn mir der Influencer unsympatisch ist.
Was keine Option ist? Bodyshaming. Nicht für zu dicke Oberschenkel, zu kleine Brüste, gemachte Brüste, falsche Nasen oder gebleachte Zähne. Für kein einziges äußerliches Erscheinungsmerkmal. Für keines.