Sieben Tage.
Nicht lange. Und doch fühlt es sich an, wie ein ganzes Leben. Wirklich erst eine Woche? Neun Tage sind es, wenn man es ganz genau nimmt. Seit dem letzten Wochenende, dem Freitag vor einer Woche sind wir nun zu Hause. Soziale Isolation. 
Es fühlt sich ungewohnt an, ein bisschen wie die Zeit zwischen den Jahren. Die Tage, an denen man nicht genau weiß, welcher Tag ist. Geschweige denn, dass man sich an ein Datum erinnert. Es fühlt sich ungewohnt an und doch gleichzeitig wie etwas, was wir schon immer gemacht haben. 

Montag.

Wir haben uns entschieden unsere Routinen beizubehalten. Lassen den Wecker klingeln. 
Er steht auf, bringt mir den ersten Espresso ans Bett. Wie jeden Morgen. Frühstück. Homeoffice am Esstisch. Aus dem Bett. Ich habe starke Rückenschmerzen nach einem – sehr glimpflich ausgegangenen – Autounfall am vergangenen Freitag. Homeoffice aus dem Bett also, nicht der schlechteste Start in die neue Woche. Ich habe mir selbst verordnet zwei, maximal drei Mal am Tag die Nachrichten zu checken. 
Sie stimmen mich nachdenklich, eine Situation, wie wir Sie in Deutschland nicht hatten bis jetzt. Gleichzeitig drängt sich das Gefühl auf, dass zu viele Mitbürger noch nicht verstanden haben, wie ernst die Situation ist. 

Dienstag.

Eigentlich ist es schön, dieses gemeinsame Homeoffice. Wäre die Situation nicht so ernst, könnten wir es noch mehr genießen. Trotz angedrohter Ausgangssperre – oder vielleicht auch gerade deswegen – entscheiden wir uns, das Beste aus der Situation zu machen. Die Feste so zu feiern, wie sie fallen. Kleine Feste, natürlich ohne Gäste, nur wir beide. 
Ich bin ganz in meinem Element, stelle todo-Listen auf und denke darüber nach, wie ich meine neue frei gewordene Zeit nutzen möchte. In Corona-Zeiten bin ich im Homeoffice, die Arbeit bleibt aber überschaubar und ist aktuell in weniger als einer Stunde pro Tag erledigt. Es bleibt Zeit all die Projekte in unserer Wohnung anzugreifen, die schon zu lange liegen. Bis jetzt verschoben – “keine Zeit”. Ich entscheide die Hochzeitsplanung für Dezember weiter voran zu treiben und zeitaufwändigere Themen anzupacken. Zeit ist plötzlich nicht mehr der limitierende Faktor. Eigentlich ein schönes Gefühl. 

Mittwoch.

Oder ist es vielleicht schon Donnerstag? Wer weiß das schon so ganz genau. Und welche Rolle spielt es?
Wir verlassen das Haus, um mit dem Hund zu spazieren. Eigentlich ist es irrelevant geworden, welchen Wochentag wir haben. Kurz freue ich mich, als ich erfahre, dass eine globale Pandemie geschafft hat, was genervte Bürger über Jahre hinweg nicht zu ändern vermochten: Das Ladenschlussgesetz in Bayern wurde gelockert. In Zeiten wie diesen muss man sich über die kleinen Dinge freuen. Dann fällt mir ein, dass wir eigentlich sehr gut aufgestellt sind, wir brauchen gar nichts aus dem Supermarkt in absehbarer Zeit. Fast bin ich ein bisschen enttäuscht. 
Enttäuscht bin ich kurzfristig auch von mir selber. Instagram und Stories gauckeln mir vor, dass sich alle außer mir gerade selbst optimieren. Yoga und Homeowkouts machen. Ich nicht, ich putze. Ist das auch optimiert? In jedem Fall macht es mich überraschend glücklich und zufrieden mir die Zeit zu nehmen unsere Gewürzschublade auszuwischen. Ich verschiebe das schweißtreibende Workout auf die kommende Woche – der Rücken schmerzt noch immer – und mache ein wenig Yoga zur Lockerung. Passt schon. 

Donnerstag.

Mir scheint, als wären die Gesetze der sozialen Akzeptanz ausgehebelt: Daydrinking ist endlich in der MItte der Gesellschaft angekommen. Beim intensiven Abstauben des Barwagens sind mir zahlreiche Gin-Flaschen aufgefallen, die fast leer sind. Ich überzeuge meinen Mann davon, dass es eine gute Idee sei, diese “fast leeren” während der Corona-Zeit in “leere” Flaschen zu verwandeln. Er stimmt mir zu – wahrscheinlich weil er wie ich der Meinung ist, dass der Virus uns noch eine ganze Weile zu Hause halten wird und wir entsprechend genug Zeit haben, uns den doch sehr zahlreichen Flaschen zu widmen. 
Wir stellen fest, dass unsere Wohnung im Großen und Ganzen ganz schön ist. Vor allem der Balkon, den wir über die Wintermonate fast vergessen hatten, steht nun wieder hoch im Kurs. Ich stöbere durch einige Onlineshops, die mir versprechen innerhalb von 2 Werktagen alles zu liefern, was man für ein schönes Homeoffice oder einen frühlingsfitten Balkon braucht. Statt kaufen entscheide ich mich dafür den Laptop zuzuklappen und ein Buch zu lesen. Irgendwie ganz schön, diese Entschleunigung. 

Freitag.

Schön finde ich übrigens auch die virtuelle Kaffeepause per Skype, zu der wir uns mit Freunden verabreden. 
Nicht ganz so schön hingegen die Tatsache, dass es irgendwie sinnfrei erscheint, sich auf das Wochenende zu freuen, dass man gemeinsam verbringt. Gemeinsam verbringen wir eh die ganze Woche. 

Ich möchte einen Termin im Schwabinger Krankenhaus wahrnehmen, den ich vereinbart habe. Ich laufe durch die menschenleeren Gänge. Ein wenig postapokalyptisch wirkt die Stille. Wenn mir doch ganz vereinzelt Ärzte oder Pflegepersonal entgegenkommen, tragen sie Mundschutz und Handschuhe. Das war vor einer Woche noch nicht. Ich erfahre, dass das Krankenhaus nun ein Corona-Krankenhaus ist und ich meinen Termin nicht mehr wahrnehmen kann. “Wir machen nur noch Corona.”
Der Bayerische Ministerpräsident verkündet eine Ausgangssperre. Gültig ab Mitternacht. Der richtige Schritt? Das Einschränken demokratischer Grundfreiheiten will wohl überlegt sein und darf nicht leichtfertig geschehen. Es  entsteht für  mich nicht der Eindruck, dass es sich um eine unüberlegte Reaktion handelt. Ich frage mich, wie sich diese Situation weiter entwickelt – nicht voller Angst, aber doch mit einem Respekt davor, wie schnell sich alles entwickelt. Wie schnell sich alles verändert. 

Samstag.

Es ist eine Stimme aus dem  Lautsprecher eines Feuerwehrautos, die mich weckt. Sie teilt mir mit, dass die Ausgangssperre mit sofortiger Wirkung gültig ist und ein Zuwiederhandeln mit empfindlichen Geldstrafen geahndet wird. Ich drehe mich um und höre den Regen an die Fensterscheibe trommeln. Heute ist es noch einfacher zu Hause zu bleiben. 
Überhaupt stelle ich wiederholt fest, dass ich offenbar ein Leben führe, dass nun unter dem Begriff “Social Distancing” die Runde macht. Vielleicht fällt es mir deswegen nicht so schwer zu Hause zu bleiben. Vielleicht ist es aber auch einfacher, weil ich nicht alleine bin. Ich verbringe die Zelt mit Mann und Hund, stehe mit meiner Familie per Skype und Telefon in Verbindung. Vielleicht fällt es mir aber auch nicht schwer, weil es noch nie so einfach war, etwas für die Gesellschaft zu tun. Etwas zurück zu geben. 

Sonntag.

Sonntags schlafe ich gerne lange. Wenn ich kann bis um elf. Oder zwölf. In dieser Woche bin ich um sieben wach und kein bisschen schläfrig. Ich fange an mich an dieses neue Leben zu gewöhnen, das ich auf 70 qm führe. Trotzdem freue ich mich über einen langen Spaziergang mit dem Hund in der Sonne. Ein bisschen Frühling tanken. 
Fühlt sich gut an, zu Hause zu bleiben. Auch, wenn ich mir die Umstände anders wünschen würde – in unserem entschleunigten Alltag haben wir uns eingefunden. Haben unsere Wege gefunden die zu unterstützen, die jetzt Unterstützung brauchen. Haben unsere Wege gefunden etwas zurückzugeben von dem, was dieses Land und diese Gesellschaft in den letzten 30 Jahren für uns getan haben.