…the overwhelming urge to run away. 

Nach Israel zu fahren war mein großer Traum, ein lang gehegter Wunsch. Ich wollte Land und Leute kennenlernen, in die Kultur eintauchen, mich treiben lassen. Eine Reise nach Israel ist aber auch eine unweigerliche Konfrontation mit der Geschichte – mit der jüdischen und der deutschen. Mit Yad Vashem gibt es nahe Jerusalem eine ganz besondere Holocaust-Gedenkstädte. Die Größte ihrer Art und eine der Bewegendsten, in der ich jemals war.

Die Gedenkstädte Yad Vashem war einer der wichtigsten Punkte auf meine Liste, als ich meine Reise geplant habe.
Der Name – Yad Vashem (יד ושם für „Ort/Denkmal und Name“)  – beruht aufJes 56, 5 EU:

„Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“

Yad Vashem hat mich beeindruckt, gefesselt, einen bleibenden Eindruck hinterlassen und mich noch für einige Tage beschäftigt. Yad Vashem hat etwas mit mir gemacht, mir meine eigene Geschichte nochmal ein Stück näher und greifbarer gemacht. Mich daran erinnert, was geschehen ist und mir die Verantwortung dafür ins Gedächtnis gerufen, dass ein solches Kapitel sich niemals auch nur in Ansätzen wiederholen darf.
Yad Vashem hat in mir ein Gefühl ausgelöst. Drapetomania – the overwhelming urge to run away.

Yad Vashem hat mich nachdenklich und still zurückgelassen.
Und ich bin ganz ehrlich: Ich habe den Besuch dort einige Tage vor mir hergeschoben – obwohl ich das Denkmal unbedingt besuchen wollte. Ich war eingeschüchtert und zugleich überwältigt. Ich hatte eine Ahnung wie ich mich nach dem Besuch fühlen würde. Drapetomania.

Nichts desto trotz – oder vielleicht gerade deswegen – möchte ich jedem Israel-Besucher einen Tag in Yad Vashem empfehlen. Es ist ergreifend, beängstigend und niederschmettern, aber es ist auch wichtig. Wichtig zu sehen was passiert ist. So history doesn´t repeat itself.

Weglaufen, sich nicht den Gräueltaten stellen. Nicht die Videos mit den Interviews der Zeitzeugen sehen. Nicht die Erklärungen lesen und die Bilder anschauen. Weglaufen, als ich unter einen Bild einer jüdischen Frau sehe: „Toni Ermann, Saarbrücken“. Eine jüdische Familie, die aus meiner Heimatstadt deportiert wurde; eine Familie deren Möbel heute in Yad Vashem stehen.

Die Ausstellung war in ihrer detailverliebtheit niederschmetternd. Ernüchternd. Beängstigend.
Aber es war ein anderer Teil der Gedenkstädte, der meine Tränen hat laufen lassen. Das Denkmal für die Kinder in Yad Vashem. In einem unterirdisch angelegten Raum wird den 1,5 Milionen jüdschen Kindern gedacht, die durch die Nazis im Holocaust ihr Leben verloren haben. In einem stockdunklen Raum brennen fünf Kerzen, fünf Kerzen die durch hunderte Spiegel so reflektiert werden, dass ein unendlich erscheinender Sternenhimmel entsteht. Aus dem Off liest eine Stimme die Namen der Kinder vor. Selten hat mich eine in der Grundidee so simple Installation derart berührt.
Ich habe eine gefühlte Ewigkeit dort gesessen, gelauscht. Fast die ganze Zeit alleine. Drapetomania.

 

Und dann die Allee der Gerechten unter den Völkern.
Ich habe schon viele Gedenkstädten besucht. Wer in Deutschland zur Schule geht, für den gehört die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und dem Holocaust ganz unweigerlich zum Lehrplan. Über Monate hinweg, vielleicht sogar über Jahre. Nicht nur im Geschichtsunterricht, sondern fächerübergreifend. Ergreifend.
Ich war in Arbeitslagern, habe die Überreste eines KZs gesehen. Ich habe Ausstellungen zu verschiedenen Schwerpunkten besucht (besonders empfehlen kann ich übrigens das Museum auf dem Grund des ehemaligen SS Hauptquartiers in Berlin und die Ausstellung in der Fabrik von Oskar Schindler in Krakau) – aber noch nie habe ich etwas gesehen wie die Allee und den Garten der Gerechten unter den Völkern. Beides ist den Menschen gewidmet, die unter Einsatz ihres Lebens Juden von der Verfolgung geschützt haben. Fast 2000 Menschen wird dort gedacht: EInzelpersonen, Familen, ganzen Völkern – die Bevölkerung des Staates Dänemark ist dort vertreten. Unabhängig davon, wie viele oder wenige Menschen die Person gerettet und beschützt hat, für jeden Helfer bzw. jede Helfergruppe gibt es einen Baum, eine Pflanze. Verteten sind bekannte Größen wie Oskar Schindler, aber eben auch ein Ehepaar aus Belgien, von dem man noch nie gehört hat.
Es ist die Allee der Gerechten unter den Völkern – eine Auszeichnung im Übrigen, die in einer Ehrenzeremonie seit 1996 in Yad Vashem vergeben wird – die mir Hoffnung gegeben hat. Die mich daran erinnert hat, dass immer und überall Menschen sind die sich nicht einschüchtern lassen. Die für Ihren Glauben und ihre Überzeugungen aufstehen und bereit sind große Risiken einzugehen.