Ich habe es mit Sicherheit schon mal gesagt: Ich bin nicht ganz bibelfest. Natürlich kenne ich die „Hauptgeschichten“, aber eben nicht alle kleinen Geschichten, nicht jedes Gleichnis.
In dieser Region zu leben hat etwas mit mir gemacht. Wo auch immer man hinkommt: Man ist von den Schauplätzen der biblischen Geschichten umgeben. Mal bekannte, mal weniger bekannte. Ein besonderes Gefühl ist es jedes Mal und immer. Und auch, wenn man nicht jede Geschichte aus der Bibel kennt: Dass Jesus in Nazareth aufgewachsen ist und Maria auch dort von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, dürfte doch den meisten bekannt sein. In der Nähe von Nazareth liegt auch der nördliche Grenzübergang nach Jordanien und bei meinem letzten Aufenthalt in Israel habe ich diese Grenze zum Überqueren genutzt. Ohen große Erwartungen bin ich gemeinsam mit einem Freund nach Nazareth gefahren – und wir wurden mehr als positiv überrascht. 

Erwartet hatten wir: Die Verkündigungskirche und unendlich viele christliche Touristen.
Bekommen haben wir: Drei Tage in einer unglaublich niedlichen Altstadt. die mit einer überraschend modernen und überraschend wenig konservativen neueren Stadt verbunden ist.
Nazareth ist die größte arabische Stadt in Israel (in Israel, die palästinensischen Autonomiegebiete nicht eingeschlossen) und ist damit eine Art Enklave. Wir waren durch Zufall am Tag der israelischen Unabhängigkeit in Nazareth: Während das restliche Land feiert und es überall am Abend Feuerwerke gibt, ist Nazareth erstaunlich ruhig geblieben. Die wenigsten Frauen tragen Hijab oder auch nur etwas traditionellere Kleidung, wir waren überrascht von der Menge an Shorts und Croptops. Sonst sieht man diese Art von Kleidung eigentlich nur in Tel Aviv. Überrascht, aber eben positiv überrascht von der Aufgeschlossenheit und der lockeren Atmosphäre.

Natürlich waren wir in der Verkündigungskirche. Hier hat Maria – nach den meisten christlichen Glaubensrichtungen – erfahren, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen wird. An der Stelle steht heute eine sehr moderne Kirche: Glatter Beton, weite Räume. Ganz anders, als man es erwarten würde. In über 90 Sprachen kann man, wenn man möchte, die Beichte ablegen; es werden regelmäßig Messen in allen nur erdenklichen Sprachen gehalten (wenn ich es richtig verstanden habe, finden einige regelmäßig statt, andere auf Anfrage). Die Wände des oberen Geschosses der Kirche und auch der Innenhof sind mit Darstellungen von Maria und Jesus geschmückt, die von den katholischen Kirchgemeinden weltweit gespendet wurden. Nicht nur, dass die Darstellungsformen ganz unterschiedlich sind (Portugal hat eine Azuleijo-Darstellung gespendet, aus Peru kommt ein Mosaik – es gibt aber auch klassische Gemälde) – es ist auch zu erkennen, dass die Gesichtszüge und Hautfarbe dem jeweiligen Ursprungsland angepasst wurden. So hat zum Beispiel die koreanische Maria asiatische Gesichtszüge.
Natürlich gibt es relativ viele Touristengruppen in und an der Verkündigungskirche. Wir waren am frühen Morgen (relativ früh, etwa gegen 10:00) und am Nachmittag da – und waren fast alleine. Im Laufe des Tages sind wir allerdings einige Male an der Kirche vorbei gekommen und sie war immer recht voll.

Direkt neben der Verkündigungskirche auf dem gleichen Gelände ist die Kirche, die über der Werkstatt Josephs gebaut wurde. Kleiner, aber mit einer beeindruckenden Krypta und einem recht großen unterirdischen Gewölbe.

Neben der katholisch-protestantischen Verkündigungskirche gibt es auch eine griechisch-orthodoxe Verkündigungskirche. Im griechisch-orthodoxen Glauben hat Maria nicht in ihrem Haus von ihrer Schwangerschaft erfahren, sondern am Brunnen – als sie Wasser geholt hat. An der Stelle die Quelle ist auch heute noch zu sehen und zu erkennen in der Kirche, das Wasser sprudelt). Wie es bei orthodoxen Kirchen üblich ist, fällt sie sehr viel prunkvoller und verzierter aus, als die katholisch-protestantische Variante.

Natürlich gibt es noch mehr Kirchen und Klöster, wir haben auch noch mehr gesehen. Zum Beispiel die Kirche, die zu Jesu Zeiten eine Synagoge war und in der er als Kind gebetet haben soll. Die Atmosphäre an all diesen Orten ist eine besondere. Besinnlich, ruhig – die Kirchen strahlen eine besondere Ruhe und Energie aus.

Nach eineinhalb Tagen voller Kirchen und Altstadt in Nazareth – die Altstadt ist im Übrigens ganz außergewöhnlich nett und verwinkelt, ein bisschen erinnert sie mich an die Gassen in der Altstadt von Jerusalem – war uns nach etwas Natur. Wir hatten uns gegen einen Mietwagen entschieden und wollten mit den öffentlichen Bussen zum See Genezareth (dort wo Petrus der Fischer gelebt hat und an dessen Ufer Jesus den Fisch und das Brot vermehrt hat). Die einfachste Möglichkeit von Nazareth mit einem Bus zum See Genezareth zu kommen, ist nach Tiberias zu fahren.

Eigentlich gebe ich keine „negativen Empfehlungen“. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man nur Dinge empfehlen sollte, die einem gefallen haben – ich sage selten „mach das auf keinen Fall, das war doof.“ Nun, vielleicht mache ich für Tiberias eine Ausnahme. Es ist ein etwas in die Jahre gekommener Ferienort für orthodoxe Juden.
Man kann einige Gräber anschauen, die Uferpromenade ist ein bisschen traurig und verlassen, es gibt ein paar Restaurants direkt am See – und das war es. Ich bin mir ganz sicher, dass die Landschaft im Norden Israels ganz wunderschön und beeindruckende ist – und dass man sie besser mit dem Mietwagen entdeckt. Das habe ich mir fest vorgenommen und hoffe, dass ich es bald noch umsetzen kann.
Fazit: Der See ist schön, Tiberias ist es nicht unbedingt 😉

Eines noch, ganz zum Schluss. Unser Hotel bzw. unser Hostel.
Noch nie habe ich in einem architektonisch so schönen Hostel geschlafen. Versteckt in der Altstadt (Hint: Ein Koffer mit Rollen ist nervig zum Anreisen, man muss ein bisschen durch die Kopfsteinpflaster-Gassen der Altstadt) liegt das Fauzi Azar Inn. Es gehört zu der Gruppe der Abraham Hostels (in denen ich auch schon in Tel Aviv und Jerusalem geschlafen habe) und ist in einem alten Stadthaus mit Innenhof untergebracht. Die Decken sind locker 3,50 m hoch, mit Deckengemälden verziert, auf dem Boden líegen Mosaikfließen – es ist zauberhaft.
Wir hatten uns für einen Schlafsaal mit geteiltem Bad entschieden, es gibt aber auch Doppelzimmer mit eigenem Bad. Das Frühstück ist im Preis inklusive und für die Verhältnisse im Nahen Osten erstaunlich vielseitig und reichlich. Kurz:: Ich kann das Fauzi Azar Inn in jedem Fall weiter empfehlen.