In und um Jerusalem war es am 14. August 2017, dass ich mich verliebt habe.
In eine Region, in eine Kultur. Ich bin das erste Mal durch die Straßen Jerusalems gelaufen und ich wusste, dass ich wiederkommen würde. Wiederkommen müsste. Seitdem habe ich die Stadt immer wieder besucht. Bin eingetaucht und habe mich mit jedem Mal mehr verliebt. In eine umstrittene und geteilte Stadt. 

Ich komme in Jerusalem an und bin erschöpft. Für die 70 km Entfernung habe ich fast 6 Stunden gebraucht. Es sind fast 40 Grad, zwei große schwere Koffer und ein Rucksack lassen mich kurz daran zweifeln, ob ich wirklich gut packen kann, Ob ich mich nicht doch eher im Minimalismus üben sollte. Sollte ich, dringend. Ich steige am Damaskus Tor aus dem Taxi aus und er ist da. Der Vibe, das Kribbeln, das diese Stadt in mir auslöst. Die Vorfreude Zeit dort zu verbringen, nochmal einzutauchen in mehr als 2000 Jahre Geschichte; diesen Ort zu entdecken, der für drei der großen Weltreligionen so heilig ist. In der umstrittenen Stadt zu sein; an dem Ort, aus dem so viele meiner palästinensischen Freunde stammen und an dem sie doch noch nie waren. Jerusalem – die umstrittene Stadt.

Ich komm gerne im Hochsommer. Die trockene Hitze macht mir nichts aus und ich genieße es, die Stadt nahezu leergefegt zu sehen. Kaum Touristen, kaum Bewohner – wer kann verlässt Jerusalem. Ans Tote Meer, in den Norden in Richtung Nazareth und See Genezareth, ans Mittelmeer, vielleicht nach Tel Aviv oder ans Rote Meer nach Eilat.
Am Damaskus Tor, das ist der arabische Teil der Stadt. Hier kann ich mich noch verständigen, decke mich schnell mit frischen Lebensmittel und Wasser ein. Ich verbringe eine Woche mit meiner Mama in der Stadt, möchte ihr die magischen Orte nahbringen, die mich verzaubert und gefesselt haben. Gemeinsam haben wir uns für ein Appartment entschieden (das ich leider nicht empfehlen kann – Preis/Leistung und das Level an Sauberkeit waren nicht so, wie es wünschenswert gewesen wäre), ich wollte ein Feeling von „zu Hause“ und nicht so sehr „im Hotel“.

Vier wunderbare Erlebnisse haben mir die Woche – zusätzlich zu den Eindrücken, die die Stadt bietet – versüßt und mich kurz die Konflikte vergessen und einfach nur die Atmosphäre genießen lassen:

  • Ich wollte zwei Fahrtkarten für die Straßenbahn am Automaten kaufen. Wie überall auf der Welt stand ich vor dem gleichen Problem: Der Automat nimmt nur kleine Scheine, der ATM gibt mir nur große Scheine. Ich wollte mich gerade aufmachen um irgendwo eine Kleinigkeit zu kaufen, da hat mich ein Mann auf englisch-arabisch angesprochen. Ob er mir helfen könnne. Erstmal fand ich das erstaunlich – wie viele Touristen gibt es denn, die die ganzen arabischen Worte verstehen, die er verwendet?! Ich habe ihm mein Dilemma erklärt und ihn gefragt, ob er mir vielleicht das Geld wechseln könnte. Konnte er nicht, stattdessen hat er uns zwei Tickets für die Fahrt spendiert. Einfach so.
    Wie wunderschön ist diese Geste? Natürlich hat sich der finanzielle Gegenwert der Tickets im Rahmen gehalten, aber es ist eine Geste. Eine wunderschöne. Und wann hast du das letzte Mal etwas Nettes für einen Fremden in Deiner Stadt gemacht? Einfach so, ohne eine Gegenleistung zu erwarten?
  • An einem Abend saßen wir in einem Restaurant. Beim Reingehen hatte ich beu der Dame am Nebentisch einen – vollkommen unberührten – Salat gesehen. Mit Süßkartoffeln, Tomaten und Ei. Gurken, Karotten…so wahnsinnig lecker hat er ausgeschaut, dass ich auf der Karte direkt danach gesucht habe, weil ich ihn auch bestellen wollte. Für die Region eher unüblich standen mehrere solcher reichhaltiger Salate auf der Karte und ich war mir nicht ganz sicher, um welchen es sich handelt. Ich habe mich zu der Dame rumgedreht und sie ganz freundlich gefragt, wie der Salat heißt, den sie bestellt hat – weil er so gut aussah. Guess what?
    Sie hat mir angeboten, mir ihren – komplett unberührten – Salat zu schenken. Sie hatte sich zu viel bestellt und den Salat nicht mehr gepackt. Sie wolle aber nicht, dass der Salat im Müll landet. Ich habe mich so wahnsinnig gefreut und das Gericht so unheimlich genossen. Sie wollte sich nicht einmal auf einen Kaffee einladen lassen – sie wollte einfach nur etwas Nettes für einen anderen Menschen tun und hat sich darüber gefreut wie ich mich gefreut habe.
  • In einer Bäckerei hat mich ein Mann auf meinen Schmuck angesprochen. Ein Juwelier, der zwei Häuser weiter seinen Laden hatte. Er hat mich mehrmals nach einer Kette gefragt, die ich trage und mir erzählt, dass es viele solcher runden Anhänger im traditionellen jüdischen Schmuck gebe.
    Ich habe mich länger – auf englisch – mit ihm unterhalten. Irgendwann kam die, unvermeidliche, Frage, woher ich komme. Ich sage ungerne, dass ich aus Deutschland bin, wenn ich mich in der Gesellschaft jüdischer Bürger über 50 befinde. Auch wenn ich noch keine negative Erfahrung gemacht habe, fühle ich mich jedes Mal ein kleines bisschen unwohl. Als ich erzählt habe, dass ich aus Deutschland bin, habe ich erfahren, dass auch der ältere Herr deutsche Vorfahren hat. Wir haben uns kurz darüber ausgetauscht, dass seine Mutter eine deutsche Jüdin war, die nach Israel geflohen ist. Die lange Zeit kein Deutsch gesprochen hat – und die doch ihrer deutschen Heimat immer nachgetrauert hat. Die mit ihren Kindern auf Deutsch geschimpft hat (der Wortschatz des Herrn in diesem Bereich war beeindruckend) und die ihnen von den sanften Hügeln im Allgäu, Apfelkuchen und dem Bodensee vorgeschwärmt hat. Einmal mehr durfte ich die Erfahrung machen, dass ich für meine Nationalität und die schreckliche Geschichte, die uns verbindet, nicht verurteilt werde.
    Verkauft habe ich ihm mein Schmuckstück am Ende übrigens nicht. Trotz sehr verlockender Angebote 😉
  • Am letzten Nachmittag saßen wir in Tel Aviv am Strand. Ein etwas älterer Herr kam gemütlich den Strand entlang spaziert und hat sich immer wieder gebückt um eine leere Flasche oder eine Zigarettenkippe aufzuheben und in eine mitgebrachte Tüte zu werfen. Jetzt ist der Strand von Tel Aviv eh ziemlich sauber, ich fand es aber trotzdem schön. Kein Angestellter der Stadt, sondern ein Bürger, der sich über einen sauberen Strand freut. Neben uns lagen auch zwei Kippen und wir kamen mit dem Mann ins Gespräch.
    Auch hier natürlich die Frage „Woher kommst du denn?“ Und eine Antwort, die mich überrascht hat. Und die mich für einen Moment ein bisschen stolz gemacht hat. „Du kannst stolz darauf sein, dass du aus Deutschland kommst. Wie ihr mit den Flüchtlingen aus unserer Region umgeht, ist wirklich großartig und ein echtes Vorbild. Toll, wie ihr das als Land und Gesellschaft hinbekommt.“ Ohne Ironie, ein echtes Lob von einem israelischen Juden über unseren Umgang mit muslimischen Flüchtlingen. Darüber, dass es wichtig ist, dass wir die Würde dieser Menschen achten und ihnen in Deutschland eine echte Chance geben, ohne sie ihrer Wurzeln zu berauben.

Was ich gelernt habe? Mit wildfremden Menschen ins Gespräch zu kommen, mir ihre Standpunkte und Vorstellungen anzuhören. Wertfrei, einfach nur zuhören und die Argumente wirken lassen. Am Damaskustor ebenso wie im jüdischen Viertel um die Klagemauer. Am Strand, auf dem Markt, in der Schlange im Restaurant. Manchmal erlebt man nicht nur wunderbare Überraschungen, sondern lernt auch ganz großartige Menschen kennen. Und diese Begegnungen sind es, die das Reisen ausmachen. Die mein Leben bereichern.

Manchmal werden meine Artikel ganz anders, als ich sie geplant hatte. Eigentlich wollte ich ein Traveldiary schreiben, als Fortsetzung zu den Beiträgen über Israel, Palästina und die Region, die schon erschienen sind. Das hat nicht geklappt, aber hier findest du nochmal eine Übersicht zu den bisherigen Traveldiaries „Israel und Palästina“.

Jerusalem – ein erster Eindruck.
Traveldiary Jerusalem.
Traveldiary: Yad Vashem. 
Traveldiary: Tel Aviv.
Traveldiary: Westbank. 
Traveldiary: Masada, En Gedi und das Tote Meer. 
Was ich gelernt habe, seit ich im Nahen Osten bin. 
Die Grenzen nach Israel überqueren. 
5 Cafés in Tel Aviv
Nazareth und See Genezareth.
10 Tips zum Reisen im Nahen Osten.