Die letzte Woche war voll mit kleinen Lektionen über das Leben im Nahen Osten. Manche effektiver als andere, manche besonders schmerzhaft und andere wiederum so lustig, dass ich minutenlang nicht mehr aufhören konnte zu lachen.

Vor einer Woche bin ich umgezogen – von einer Familie in eine Art WG. Und – oh boy – das neue Appartment hat es in sich. Vielleicht ist es eine Lektion des Lebens mich in Geduld zu üben. Zu lernen wie irrelevant die Dinge des täglichen Lebens eigentlich sind und wie wenig man eigentlich braucht. Strom, fließendes Wasser und Internet braucht man zum Beispiel nicht dringend.
Auch eine halbwegs ausgestattete Küche wird überbewertet. Und wenn man frische Kleidung braucht – tatsächlich braucht, nicht möchte – dann ist waschen natürlich eine Option, neue Unterwäsche und Strümpfe kaufen aber eben auch.

Jordanien ist weltweit das Land mit dem geringsten Süßwasservorkommen gemessen an der Einwohnerzahl – es ist durchaus so, dass man hier von einer Wasserknappheit sprechen kann. Eine der Konsequenzen ist, dass jede Area von Amman ein Mal pro Woche mit Wasser beliefert wird. Das Wasser wird in einem großen Tank auf dem Dach des Hauses gespeichert und es ist entscheidend, dass man mit dem verfügbaren Wasser haushält. Zum Beispiel kann man nicht an jedem Wochentag waschen – rückblickend macht das Sinn, wir wussten aber nichts von dieser Regel. Ganz abgesehen, dass die Waschmaschine beim ersten Waschgang kaputt gegangen ist und die komplette Küche unter Wasser gesetzt hat, hatten wir unseren Wasservorrat frühzeitig verbraucht und mussten zwei Tage ohne fließendes Wasser leben. Lesson learned.
Der Handwerker, der die Waschmaschine reparieren sollte, wollte gleich am nächsten Tag vorbeikommen. Inchallah.
Inchallah ist einer meiner liebsten Ausdrücke in der arabischen Sprache. Es bedeutet etwas in der Richtung von „wenn es Allahs Wille ist“ – und die gefühlte Wahrheit hinter jedem Inchallah ist „not gonna happen“. Inchallah kommt der Handwerker, aber eben nur, wenn er alles andere erledigt hat, was ihm sonst noch im Kopf rum geht. Wenn er in aller Ruhe seinen Tee getrunken, Zigaretten geraucht und mit seinem Freund eine Runde Backgammon in der Sonne gespielt hat. Wenn es dann noch in seinen Zeitplan passt, dann kommt er. Inchallah. Wenn nicht, dann kommt er am nächsten Tag. Inchallah. Oder eben erst am Ende der Woche. Selten hatte ich einen besseren Grund einkaufen zu gehen als in der Nacht vor meinem Abflug nach Athen am vergangenen Mittwoch – ich hatte tatsächlich nichts Sauberes mehr im Kleiderschrank. Nichts. Lesson learned.

Ob es für die Elektrizität auch eine gute Erklärung gibt? Wahrscheinlich. Vermutlich ist es einfach ein instabiles Netz oder eine nicht bezahlte Stromrechnung. Was mich im ersten Moment noch genervt hat, bin ich inzwischen bereit mit einer gewissen Gelassenheit zu tragen. Wenn es keinen Strom gibt, dann gibt es eben kein Licht. Life goes on.
Ganz allgemein bin ich extrem entspannt geworden im letzten Monat. Verabredungszeiten sehe ich eher als grobe Empfehlungen, meine Erwartungen haben sich relativiert. Eventuell entstehende Wartezeiten überbrücke ich mit einem türkischen Kaffee von einem der zahllosen Shops und Stände, ich beobachte die Menschen in ihrem Alltag und weiß den Fakt zu schätzen, dass ich immerhin meist in der Sonne und der Wärme stehe. Und ich komme einfach selbst mindestens zwanzig Minuten zu spät – lesson learned.

Und wenn gar nichts mehr geht…dann packe ich eine Tasche. Ruckzuck habe ich einen Flug gebucht, bin zum Flughafen und habe ein fantastisches Wochenende in Athen verbracht. Das ein oder andere Gläschen Weißwein mit der Akropolis im Rücken, Oliven und Feta, ein Nachmittag am Meer – ein Wochenende mit Freunden, das Energie gibt für eine neue Woche. Vielleicht war es dieses Wochenende, das mir die meisten Lektionen erteilt hat. Darüber wie gut es tut Zeit mit den richtigen Menschen zu verbringen, wie viel Energie man aus zwei Tagen ziehen kann. Über den reinigenden Effekt, den es haben kann für zwanzig Minuten weinend an einer Kreuzung auf einer Bank zu sitzen. Darüber wie klar man sieht. Wenn man bereit ist tatsächlich die Augen zu öffnen und Neues zuzulassen. Lesson learned.