Freiheit ist ein großes Wort. Wir alle möchten frei sein, niemand lässt sich gerne einsperren. Ein universeller Wert, den wir alle teilen und der doch so unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Für Achmed bedeutet Freiheit, dass er Jordanien irgendwann auch wieder verlassen kann.

In einem der Cafés in meiner direkten Nachbarschaft arbeitet Achmed. Achmed ist ein kurdischer Iraki. Ein Flüchtling. Einer der unzähligen Flüchtlinge aus dem Irak, Palästina und Syrien, die in Jordanien leben und arbeiten. Manche seit den 70er Jahren, andere seit den frühen 90igern oder auch erst seit Kurzem. Sie alle haben neben den vielen unterschiedlichen und individuellen Geschichten auch eine Gemeinsamkeit: Sie können Jordanien nicht verlassen.

Oder anders: Sie können Jordanien verlassen und in ihr ursprüngliches Herkunftsland zurückkehren. Dann können sie aber nicht mehr nach Jordanien einreisen. Wer als Flüchtling nach Jordanien kommt, der ist in diesem Land – mehr oder weniger – gefangen.

Ahmed und ich sprechen über Freiheit. Darüber, was Freiheit für mich bedeutet. Darüber was Freiheit für ihn bedeutet. Als ich ihn frage, wohin er gerne reisen würde, wenn er das Land verlassen könnte, muss er kurz nachdenken. Dann „Australien“. Ich muss schmunzeln – Australien ist ein Sehnsuchtsziel für so viele Menschen; das Achmed sich dafür entschieden hat gefällt mir.
Freiheit, das ist für Achmed ein Wunsch, ein Ziel. Etwas, worauf er hinarbeitet.

Mit einem Mal relativiert sich mein eigenes Verständnis von Freiheit. Ich werde mir mitten in diesem Café nochmal darüber bewusst, wie priveligiert ich mit meinem deutschen Reisepass bin. Am letzten Wochenende war ich in den Emiraten, ich denke über einen Kurztrip nach Ägypten oder in den Libanon nach. Weil ich die Region entdecken und kennenlernen will, weil ich mehr erfahren will über die verschiedenen Länder und die Kulturen im Nahen Osten. Aktuell kann ich mit meinem Pass in 176 Länder einreisen ohne auch nur ein Visum zu beantragen. Für die restlichen Länder ist es mit wenigen Ausnahmen unproblematisch für mich ein Visum zu bekommen. Ist das Freiheit?

Auch Ahmed ist priveligiert. Er hat eine abgeschlossene Schulbildung, studiert und ist als selbstständiger Grafikdesigner erfolgreich. Ihm stehen viele Möglichkeiten offen – und er will sie nutzen.

Seit 1996 ist chmed in Jordanien. Seitdem hat er das Land nicht mehr verlassen.
Aber er arbeitet daran. Bewirbt sich für Stipendien in Europa, die es ihm erlauben würden aus Jordanien auszureisen. „Eines Tages wird es klappen. Nicht heute und nicht morgen – aber irgendwann.“ „Inchaalah.“, sage ich. „Nein – nicht Inchaalah. Ich bin mir ganz sicher. Ich weiß, dass ich auch irgendwann wieder frei sein werde.“

Ahmed heißt übrigens nicht Ahmed. Ich nenne ihn so, um seine Identität zu schützen. Und vielleicht auch ein bisschen, weil es eigentlich keine Rolle spielt, wie Ahmed wirklich heißt. Seine Geschichte ist auf ihre eigene Art und Weise tragisch und traurig – und der Alltag in Jordanien. Der Alltag in einem Land voller Flüchtlinge aus der ganzen Region.