Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Wie ich den Koffer hier in München gepackt habe. Wie ich alles fertig gemacht und gerichtet habe, dann in den Flieger gestiegen bin. In Amman angekommen und zunächst eine Woche durch das Land gereist bin, mir einen ersten Eindruck verschafft habe. Wie ich in meine erste Wohnung in Amman gezogen bin. Ein Jahr ist es heute genau her, dass ich in der Sprachschule angefangen habe. Ein Rückblick.

Was, wenn ich keine Freunde finde?

Die ersten Tage waren eine ständige Herausforderung. Ein anderes Land, eine grundverschiedene Kultur – wahnsinnig viele Eindrücke und neue Menschen. Ein bisschen auch die Angst keine Leute kennenzulernen. Alleine zu bleiben und mich nicht wohk zu fühlen. 
Und dann war es plötztlich doch ganz einfach: Ich habe keine Leute kennengelernt. Ich habe Freunde gefunden. Menschen, mit denen mich sofort eine enge Freundschaft verbunden habe – mit Zweien stehe ich seit diesem Tag vor einem Jahr in ununterbrochenem täglichen Kontakt. Mit einer anderen verbringe ich in wenigen Wochen das dritte lange Urlaubs-Wochenende. Meine Befürchtungen waren unbegründet. Alle.

Fühlst du Dich denn sicher, so ganz alleine?

Das war die mit Abstand am häufigsten gestellte Frage. Ja, ich habe mich sicher gefühlt. Ich bin nie mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gelaufen, auch nicht im Dunkeln. Ich hatte keine Bedenken alleine auf den Markt zu gehen, mit dem Taxi zu fahren, ein Auto zu mieten. Alles lief ohne weitere Probleme. 
Sicherlich habe ich mich ein wenig den Kleidungsgewohnheiten der Region angepasst: Keine Shorts, keine kurzen Röcke. Keine Kleidchen und auch keine freien Schultern. Aber ich habe ganz normale Jeans getragen, im Sommer auch Tshirts. Bis auf einen Besuch in einer Moschee gab es keine Notwendigkeit einen Hijab zu tragen. 
Ja, ich habe mich sicher gefühlt. Mehr als das – ich habe mich richtig wohl gefühlt.

Gab es schlechte Momente?

Oh boy…wo soll ich anfangen? Es gab schlechte Momente, es gab miserable Momente, es gab verzweifelte Momente. 
Als ich dachte, dass es zu viel sei, zu schwierig sei arabisch zu lernen und ich ganz sicher war, dass ich die Sprache nie meistern würde. Wenn ich heute daran denke, dass ich mich vor lauter Angst durchzufallen am Tag meiner ersten Zwischenprüfung tot gestellt habe und einfach nicht zur Schule bin, muss ich laut lachen. 
Als ich Heimweh hatte und aufgrund der schlechten Internetverbindung und der vielen gesperrten Nachrichtendienste nicht mit meiner Familie und meinen Freunden sprechen konnte. 
Als ich mir den Fuß gebrochen habe und in ein jordanisches Krankenhaus musste, dass mir ganz ordentlich Angst eingejagt hat. 
Als meine Kreditkarte gesperrt wurde und ich plötzlich mit gebrochenem Fuß und ohne Bargeld da stand. 
Als meine Oma gestorben ist und ich ganz alleine, tausende Kilometer entfernt von meiner Familie mit meiner Trauer in Mitten einer fremden Stadt stand und nicht wusste wohin. 

Es gab schlechte Momente. Noch viel mehr und sehr viel tragischere als die, die ich jetzt genannt habe. Aber ich habe sie überlebt, ich bin daran gewachsen – und vor allem habe ich daraus gelernt. Dass man niemals so alleine ist, wie man sich im ersten Moment fühlt. Dass es immer irgendwie weiter geht. Immer. 

Nur wer reist, versteht die Welt. 

Ich habe viel gesehen – nicht alles natürlich, aber viel. Im letzten Jahr war ich in Jordanien, in Palästina und Israel, in verschiedenen Teilen Ägyptens und zwei Mal in den Emiraten – in Dubai und Abu Dhabi. Ich habe nicht alles gesehen in allen Ländern. Aber ich habe sehr viel gesehen und mich eingelassen auf das, was da war. Und ich habe es geliebt. 
Die arabische Welt, das ist ein Teil der Welt, von dem ich noch so viel mehr sehen will. Ein Teil, den ich noch mehr entdecken will.

Würde ich wieder nach Jordanien gehen?

Ohne Zweifel: Ja. 
Ohne Zweifel, ohne Überlegung. Gerne würde ich all meine Lieben mitnehmen, einpacken – dann wäre es perfekt. Trotz aller Hindernisse, vergossener Tränen und Panikanfällen in der Notaufnahme kann ich einen Auslandsaufenthalt nur empfehlen. In Jordanien, aber auch überall sonst auf der Welt.
Während des Studiums habe ich in Portugal gelebt – das hat mir mindestens genauso gut gefallen. Hat mich geprägt und hat mich wachsen lassen. Hat mich als Mensch weitergebracht und mir eine neue Perspektive eröffnet. 
Es müssen nicht immer gleich neun Monate sein, die man ins Ausland geht. Vielleicht reichen am Anfang auch ein paar Wochen um herauszufinden, wie man sich dabei fühlt. Mein educated guess: Man fühlt sich wahnsinnig gut. Stolz. Frei.