Mit Dreißig kommt man wohl an einen magischen Punkt: Den, an dem man Angst davor hat alleine zu sein und alleine alt zu werden. Niemanden mehr zu finden, mit dem man sein Leben, das Bett und den Frühstückstisch teilen kann. Eine Freundin sagte mir vor ein paar Monaten: “Die Guten sind jetzt alle weg, ich muss auf die zweite Runde in zehn Jahren warten.” Zuerst klang es wie ein Spaß, ein Scherz – aber einer mit dem bitteren Beigeschmack der, für sie empfundenen, Wahrheit.
Eine traurige Wahrheit, wie ich finde. Aber eben auch eine Situation, in der ich mich selbst schon einmal wieder gefunden habe.

Ich erinnere mich plötzlich an die Zeit während meines Studiums, als ich von einer toxischen Beziehung in die nächste getaumelt bin. Ohne es zu bemerken. Von außen betrachtet muss ich naiv, dumm und vielleicht sogar verzweifelt gewirkt haben. Von außen betrachtet war es ganz offensichtlich, dass keiner der Männer, mit denen ich meine Zeit verbracht habe wirklich gut für mich waren. Nichts mit Zukunft, nichts worauf man sich hätte verlassen können. Von außen betrachtet, hätte ich wohl wahrgenommen, dass ich vor allem eines vermeiden wollte: Einsamkeit.
Offen betrachtet war ich zu keinem Punkt alleine: Freunde, Familie, Kommilitonen. Aber ich war einsam, auch in meinen Beziehungen.

Alleine sein, nur mit mir selber. Herausfinden, wer ich bin, was ich möchte, wohin ich will. Herausfinden, was meine Werte sind und welche Bedeutung sie für mein Leben mitbringen. Das konnte ich nicht. Das wollte ich vor allem nicht. Umgeben von Freunden, von einer Clique, das hat mir nicht gereicht. Heute, rückblickend, kann ich das so sehen. Heute verstehe ich das Mädchen von vor acht Jahren. Heute sehe ich wie einsam sie wirklich war, umgeben von Menschen.

Meine Freundin erinnert mich an das Mädchen, das ich war – anders, aber doch ähnlich. Sie wird langsam von einer Panik erfasst. Eine Panik sie könnte keinen mehr abbekommen, während alle um sie herum plötzlich heiraten und Kinder bekommen. Eine Panik, die sie von einer belanglosen Affäre in die nächste stolpern lässt. Immer auf der Suche, immer unzufrieden. Nie alleine.
Eine traurige Wahrnehmung. Nicht, weil für mich das Hangeln von Affäre zu Affäre nicht erfüllend scheint. Hätte ich das Gefühl, dass sie mit der Situation glücklich ist, wäre ich damit ok. Traurig sind nicht die Affären, traurig ist, dass sie sich alleine fühlt. Dass sie von dem Gefühl begleitet wird, nicht vollwertig zu sein – alleine, ohne Partner. Eine smarte und beruflich erfolgreiche Frau, eine die nach außen so stark wirkt – und in einem kurzen ehrlichen Moment einen Einblick gibt. In ihre Einsamkeit, in ihr Gefühl der Unvollkommenheit, in ihre Ängste.

Im Rückblick war es vielleicht die Zeit im Ausland, die mich geerdet hat. Ich war dort nicht glücklich, nicht die ganze Zeit. Ich hatte Liebeskummer, ich habe eine ganze Weile das verdrängt, worum es eigentlich ging. Bis ich plötzlich angefangen habe ganz bewusst Zeit mit mir selbst zu verbringen. Herauszufinden, wohin es gehen soll. Und wer ich bin.

Bin ich deswegen heute glücklicher, zufriedener?
Vielleicht. Schwer einzuschätzen. Wenn ich heute wieder alleine in Lissabon wäre, mit Liebeskummer, ein bisschen Heimweh und der Einsamkeit, die mich immer wieder umgeben hat…würde ich heute die Wege kennen, mich aus dieser Situation zu befreien und die Zeit eher zu genießen? Oder würde ich mir wieder die Ablenkung suchen, die die Stadt mir gibt, damit ich mich nicht mit den echten Problemen beschäftigen muss? Hauptsache nicht alleine?

Ich wünsche mir für mich selbst mehr Stärke. Mehr Zuversicht und mehr Selbstbewusstsein.
Ein Partner oder eine Partnerin kann niemals der Schlüssel zum eigenen Glück sein. Das weiß ich, weil ich es ausprobiert habe. Ein Partner darf nicht notwendig sein, ein Partner ist niemals dafür da, die eigenen Not zu wenden.
Ich wünsche mir mehr Selbstbewusstsein und vor allem ein Stück mehr gesellschaftliche Anerkennung. Und weniger Fragen danach, warum eine alleinstehende Frau keinen Partner hat.