Hier zu leben, wo Krieg und Frieden nur wenige Kilometer auseinander liegen und wo jeder Tag eine 180 Grad Wende der politischen Situation mit sich bringen kann – allein dieser Umstand hat mir mehr über Menschen und das Leben beigebracht, als alle Schulstunden und Vorlesungen zusammen. Hier habe ich gelernt, was es bedeutet wirklich für eine Sache zu brennen. Wie viel Menschen bereit sind zu opfern für ihre Überzeugung. Ich habe gelernt was Freiheit wirklich bedeutet und wie viel Nationalstolz ein Mensch haben kann.
Und ich habe gelernt, dass man sich nicht jeden Schuh anziehen muss. 

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Die Mehrheit meiner Lehrerinnen sagt über sich selbst, sie seien Palästinenserinnen. Das bedeutet meist, dass ihre Großeltern 1948 aus Palästina vertrieben wurden und die Familien seitdem als Flüchtlinge – inzwischen in der dritten oder vierten Generation – in Jordanien leben. Manche mit einem Jordanischen Pass, andere mit Flüchtlingspapieren. Wer mit Flüchtlingspapieren in Jordanien lebt, kann das Land nicht verlassen, ist kein “vollwertiger Bürger” und hat immer wieder mit Diskriminierungen zu kämpfen. Die meisten der Palästinenser, die heute noch mit Flüchtlingspapieren in Joranien leben, haben sich bewusst dafür entschieden. Sie wollen ihre Nationalität nicht aufgeben, ihre Identität nicht aufgeben. Palästina, ihr Heimatland, das nicht einmal eine Stunde entfernt liegt, ist tief mit der Identität verwurzelt. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie eines Tages zurückkehren können. In die Häuser, die sie zurück gelassen haben. Zu dem Land, das ihre Großeltern bewirtschaftet haben.
Einen jordanischen Pass zu beantragen würde zwar bedeuten, dass die Palästinenser das Land verlassen können – es bedeutet aber auch, dass sie die Palästinensische Staatsbürgerschaft aufgeben. Ähnlich ist die Situation übrigens auch für irakische und syrische Flüchtlinge.

Jeansjacke – Mango
Shirt – hm
Hose – more&more*
Schuhe – hm

Sympatisiere ich mit dem Flüchtlingen, kann ich ihren Weg verstehen? Würde ich mich ähnlich verhalten?
Bedeutet das, dass ich nicht nach Israel reisen kann? Nicht zwingend. Nicht in meinen Augen. Und das nicht nur, weil ich die Kulturschätze sehen will, die hinter der Grenze liegen. Natürlich ist das ein großer Teil: Es war in Jerusalem, als ich an der Klagemauer stand und dann den Felsendom besucht habe, als ich wusste, dass ich mehr Zeit in dieser Region verbrigen will. Jerusalem hat eine besondere Energie. Dort hat meine Reise im Nahen Osten angefangen und so erscheint es mir ein gutes Omen, dass meine Zeit hier in der Region in wenigen Wochen auch in Jerusalem enden wird. Vorerst.
Aber es sind nicht nur die Kulturschätze, nicht nur die Städten biblischer Geschichten. Ich möchte alle Seiten des Konflikts mit eigenen Augen sehen. Ich wollte sehen, wie das Leben auf beiden Seiten der Grenze aussieht. Ich war unter anderem in Bethlehem – das liegt in Palästina bzw. der Westbank. Ich war im östlichen Teil von Jerusalem. Ich war aber auch in Tel Aviv und in der Wüste – das ist Israel. Wenn ich die Chance habe, werde ich in diesem Jahr noch in den Iran reisen und den Libanon besuchen.

Man lernt nicht aus Büchern. Nicht aus Zeitungsartikel und den Nachrichten. Diese Medien verschaffen höchstens einen Überblick, eine erste Idee. Natürlich wusste ich über die politische und religiöse Situation Bescheid. Ich habe mich im Vorhinein informiert, war schon immer an der Region interessiert und hatte während meines Studiums einen Schwerpunkt. Wirklich gelernt habe ich aber hier. In Gesprächen mit Menschen auf der Straße, in Cafés, in Hotels. Mit Ägyptern und Israelis, mit Palästinensern, arabischen Israelis. Mit Irakis und Persern. Mit Expats, mit Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, die in unterschiedlichen Ausprägungen konservativ waren. Manche Frauen mit Nikab, andere ohne jegliche Verschleierung.
Nicht jeder Klassenraum hat vier Wände – manchmal ist eine ganze Großregion ein riesiger Klassenraum.