Palästina, ein schwieriges Thema. Ein politisch schwieriges Thema, gleichzeitig eine Gegend, Region, Landstrich – vielleicht ein Land – das mit außergewöhnlicher Natur, herausragenden Kulturgütern und unfassbar herzlichen Menschen überzeugt. Ein Tag in Palästina war es, der meinen Entschluss in den Nahen Osten zu gehen besiegelt hat.

Schon die Formulierung des zweiten Satzes hat mich vor ein Problem genannt. Palästina ist kein eigenständiges Land, es ist ein besetztes Gebiet. Ein Gebiet das nochmal in drei Verwaltungszonen unterteilt ist, in denen Israelis und Palästinenser jeweils unterschiedliche Befugnisse haben. Ein besetztes Gebiet, das von militärischen Festungsanlagen, Zäunen und Mauern umgeben ist. Eingesperrte Menschen, die unter teils widrigen Bedingungen leben.

Bevor ich in Ramallah das erste Mal aus dem Bus gestiegen bin, hatte ich Bedenken. Irgendwie. Davor wie der Grenzübergang sein würde, wie die Sicherheitslage ist. Ob die politische Spannung, die in der Luft liegt, sich greifbar anfühlt. Ich bin in Jerusalem mit einem mulmigen Gefühl in den Bus gestiegen. Keine Angst, aber doch das Wissen, dass ich mich in eine Situation begebe, die eventuell nicht ganz ungefährlich ist. Zu Unrecht, vollkommen zu Unrecht.

Die Medien vermitteln uns ein Bild von Palästina und den Palästinensern, das ich so nicht bestätigen kann – nicht erlebt habe. Ich bin auf unglaublich herzliche und offene Menschen getroffen. Auf Menschen, die die Gewalt nicht unterstützen, die von beiden Seiten ausgeht. Auf Menschen, die ihre Verwandten seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gesehen haben – obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt wohnen. Ich habe Menschen getroffen, die sich mit der aktuellen Lebenssituation arrangieren – in der Hoffnung und dem festen Glauben, dass sie sich ändern wird. Und ich bin auf kulturelle Schätze getroffen, die mich bewegt haben.

Der erste Stop: Ramallah

Dort sitzt die palästinensische Autonomieverwaltung, Jassir Arafat hat die letzten Monate seines Lebens hier unter Hausarrest verbracht und ist hier begraben. Eine politische Zentrale des Palästinenser-Staats. Die weit verbreitete Flagge lassen keinerlei Zweifel daran aufkommen, wo man aus dem Bus gestiegen ist. Auf einer zentralen Kreuzung steht eine Skulptur, ein Denkmal, das mich zum Nachdenken angeregt hat: An einem Fahnenmast klettert ein Mann empor. Noch ist er nicht ganz oben, die Flagge weht etwas unterhalb der Spitze. Die Skulptur soll die Anstrengungen verdeutlichen, die das palästinensische Volk auf sich nimmt, seitdem 2014 die Anerkennung eines Staates Palästina bei den Vereinten Nationen beantragt wurde. Ein schönes Bild, ein ausdrucksstarkes Bild, ein trauriges Bild.
Ich gehe um zwei Ecken, vorbei an den berühmten vier Löwen (die für die vier Familien stehen, die Ramallah beherrschen) und stehe plötzlich vor einem Hochhaus, das ich aus den Nachrichten kenne. Von hier aus senden alle nationalen und internationalen Fernsehteams, wenn sie aus Palästina senden. Ich erinnere mich an Bilder von Unruhen, Protesten, Steinewerfern – und sehe doch an diesem Morgen nur friedliche und freundliche Menschen, die mich lächelnd begrüßen. Die Bilder in meinem Kopf und die erlebte Realität sind in diesem Moment nur schwer zusammenzubringen.

Das Grab von Jassir Arafat.

Ein weiterer Stop in Ramallah ist das Grab von Jassir Arafat, dem großen Palästinenserführer. Während meines Studiums habe ich unzählige Biographien über diesen Mann und seine Mission gelesen. Es fühlt sich an, als wüsste ich alles über sein Leben und Wirken – und es fühlt sich für einen Moment unwirklich an nach all der Zeit an seinem Grab zu stehen. Ein imposantes Monument aus weißem Stein, das voller kleiner und großer Symbole ist. Die drei Fahnen, die für die drei Beerdigungen stehen (in Paris, Kairo und Ramallah). Der würfelförmige Bau rund um den Sarg, der den Abmessungen der Kabba entspricht – Arafat ist der einzige “Staatsführer” der jemals einen Teil des jährlich wechselnden Umhangs der Kabba als Geschenk erhalten hat. Die Moschee, die kein Minarett und nahezu keine Verzierungen hat, dafür aber weltweit als Einzige einen Turm – Arafat wollte nicht nur Moslems, sondern Angehörigen aller Kirchen und Religionen einen Platz zum Beten geben.
Und meine Lieblingsgeschichte: Arafat hat in seinem letzten Willen verfügt, dass er in Jerusalem beerdigt werden möchte, die Israelis haben das nicht zugelassen. Daraufhin hat eine palästinensische Baufirma unter dem Deckmantel eines anderen Auftrags über Monate hinweg israelischen Boden aus Jerusalem abgetragen. Ebendieser Grund wurde unter dem heutigen Grabmal aufgeschüttet. Rund um den Würfel, der den Sarg umgibt wurde ein Wassergraben gezogen, sodass Arafat tatsächlich auf jerusalemischem Grund ohne direkten Kontakt zum palästinensischen Boden begraben ist. Das komplette Grabmal ist so angelegt, dass es im Ganzen angehoben und nach Jerusalem transportiert werden kann – wenn die palästinensische Regierung ihren Amtssitz nach Jerusalem verlegt. Bis zu seiner Fertigstellung war das Grabmal komplett bedeckt und verhüllt, das Vorgehen war der israelischen Regierung bis zum Tag der Enthüllung nicht bekannt. Ein Geniestreich der Palästinenser.

Von Ramallah nach Jericho – die älteste und niedrigste Stadt der Welt

Die ersten menschlichen Siedlungen sind ca. 11 500 Jahre alt – unfassbar. Der Gedanke, dass die Ruinen schon zu Jesu Zeiten genauso ausgesehen haben wie heute, hat mich nicht mehr losgelassen. In einer Wüstenregion gelegen, ist Jericho eine Oase. Plötzlich wird es grün, man fährt an Dattelplantagen vorbei, sieht den Baum des Zachäus, der mehr als 2000 Jahre alt es. Nach der biblischen Geschichte ist der reiche Steuereintreiber Zachäus auf den Baum geklettert um Jesu zu sehen. Der kleine Mann saß auf dem Baum, wurde von Jesu entdeckt, der ihn gebeten hat in seinem Haus einkehren zu dürfen. Ab diesem Tag hat Zachäus seinen ganzen Besitz gespendet und sich für wohltätige Zwecke eingesetzt. Geschichten wie diese finden sich überall in Israel, Palästina und Jordanien. Die Geschichten der Bibel sind omnipräsent, werden greifbar und ein Stück erlebbar.
Neben dem Baum und den Ruinen gibt es in Jericho auch eine der ältesten Quellen: Entdeckt vom Propheten Elias versorgt sie die Stadt noch heute mit frischem Trinkwasser. Ich habe mich natürlich von der Versuchung verleiten lassen aus dieser alten Quelle zu trinken (wider besserem Wissen und Erfahrungen) – alles gut gegangen. Die Quelle von Jericho scheint sich auch mit den Gegebenheiten westeuropäischer Körper zu vetragen.

Am Jordan – wo Jesus getauft wurde

Kaum verlässt man das kleine staubige Zentrum des modernen Teils von Jericho ist man wieder in der Wüste. Die Temperaturanzeige unseres Busses ist inzwischen (am frühen Vormittag) auf 39 Grad geklettert, es ist eben doch August in der Wüste. Wir fahren eine Weile durch die Einöde, die mit einem ganz eigenen Charme und einer schroffen Schönheit begeistert. Der Reiseleiter erzählt über Bedouinenstämme, die ihr Nomadenleben aufgeben mussten: Die Quellen vertrocknen langsam, die Menschen finden kein Wasser mehr und müssen sich immer tiefer in die Wüste zurückziehen. In der tieferen Wüste sind allerding riesige Minenfelder der israelischen Armee; es gibt regelmäßige Zwischenfälle bei denen spielende Kinder ihre Gliedmaßen durch detonierende Mienen verlieren, immer wieder gibt es Todesopfer. Mit einem Mal ist der Konflikt ganz nah und wirklich geworden.
Auch rund um die Taufstädte am Jordan sind Minenfelder. Der Zugang von der israelischen bzw. palästinensischen Seite ist erst seit wenigen Jahren für Touristen geöffnet und zugänglich, davor konnte man den Jordan an dieser Stelle nur von Jordanien aus erreichen. Vor Ort beobachte ich eine Taufzeremonie und lasse mich für einen Moment von der singenden und feiernden Begeisterung der Menschen mitreißen. Ich stehe am Ufer des Jordans und lasse die Szene für einen Moment auf mich wirken, werde ganz ruhig. Mitten im Fluss verläuft ein Gitter, eine Art Zaun – die Grenze zwischen Jordanien und den besetzten Gebieten.
Direkt angrenzend an die Taufstädte am Jordan sehe ich die erste israelisch-jüdische Siedlung in Palästina. Grundsätzlich ist es Israelis – von Seiten ihrer eigenen Regierung – nicht erlaubt die besetzten Gebiete zu betreten. Jüdische Siedler bilden eine Ausnahme. Die Siedlung mit ihren grünen Plantagen macht einen unwirklichen und deplatzierten Eindruck in der kargen Wüstenlandschaft – im wahrsten Sinne des Wortes so, als würde sie nicht dort hingehören.

Und dann schließlich – Bethlehem

Das Gefühl in dieser Stadt zu stehen ist unbeschreiblich. Jedes Kind kennt Bethlehem als die Stadt, in der die Weihnachtsgeschichte spielt. In meiner Vorstellung waren Hirten, ein Stall, ein Stern.
Das ist Bethlehem – es ist aber auch eine politische Stadt. Eine Stadt, die durch eine Mauer geteilt ist. Eine Stadt mit moderner Streetart-Szene.
Natürlich war ich in der Geburtskirche. Vielleicht ist es vielmehr ein Ort des Friedens, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Über der Stelle, an der der Stall gestanden hat, wurde eine große Kirche gebaut, die sich heute vier christliche Religionen teilen. Jede Konfession hat ihren eigenen Bereich in der Kirche, alle existieren nebeneinander. Leider – oder vielmehr wunderbarer Weise – wird die Kirche gerade restauriert und ich konnte nur ganz vereinzelt einen Blick auf die Gemälde und Mosaike werfen, die teilweise schon seit dem 3. Jahrhundert nach Christus bestehen. Durch jahrhundertelange Verschmutzung mit Öl und Kerzenrauch hat sich eine dicke graue Schicht auf die Kunstwerke gelegt, die jetzt langsam und fachmännisch entfernt wird. Zu gerne würde ich in einigen Jahren wiederkommen, wenn die Restaurierung abgeschlossen ist. Rechts vorbei am Altar kommt man zu einem besonderen Bereich: Man steigt ein paar Stufen herunter und kommt zu einem kleinen Raum. Durch ein Loch im Boden – umgeben von einem vierzehnzackigen Stern – kann man ein Stück des originalen Steinbodens des Stalls berühren. Ein außergewöhnlicher Moment, irgendwie bewegend und unwirklich. Gegenüber die Stelle der Krippe. Unwirklich beschreibt es wohl sehr passend.

Und dann der Kontrast, wir fahren nach einem kurzen Spaziergang durch die Gassen von Bethlehem zur Mauer. Nun kann ich mich nicht mehr erinnern an die Zeit, in der mein Land und unsere jetzige Hauptstadt durch eine Mauer geteilt waren. Die Berliner Mauer kenne ich nur in der Art, wie sie heute ist – aber ähnlich muss es sich angefühlt haben. Acht Meter hoch ist die Betonmauer in Bethlehem, von palästinensischer Seite ist sie mit Streetart verziert. Auch Banksy hat sich verewigt, viele seiner bekanntesten Werke finden sich in Bethlehem. Sogar ein Hotel hat er dort.

An der Mauer finden sich nicht nur Kunstwerke, sondern auch Geschichten. Geschichten der Künstler; Geschichten von ihren Wünschen, Träumen, Lebensplänen. Geschichten über den Alltag in einem besetzten Gebiet. Geschichten von Mut, Enttäuschung, Perspektivlosigkeit – Geschichten die zum Nachdenken anregen und die mich auch in den kommenden Tagen noch beschäftigen. Geschichten, die mich nochmal wertschätzen lassen, die mir bewusst machen in welche glückliche Situation ich hineingeboren wurde.

Reisen in Palästina

Der Tag in Palästina hat mich zuerst sprachlos zurückgelassen – und dann das Bedürfnis in mir geweckt von dem zu erzählen, was ich erlebt habe. Wann immer ich erzähle, dass ich in Palästina war, denken die Menschen, dass ich mich in einem Kriegsgebiet bewegt habe. Das ist nicht so – in Palästina sind aktuell keine Unruhen, keine Aufstände und schon gar kein Krieg. Es handelt sich um ein militärisch besetztes Gebiet in dem sich die Situation jeden Tag ändern kann, es kann gefährlich werden. Es ist aber nicht per se gefährlich, es ist ein wunderbares Gebiet und ich kann einen Ausflug von Jerusalem aus nur empfehlen. Ich werde zurückkommen, ich möchte mehr sehen, entdecken, erleben und verstehen.

Von Jerusalem aus kann man – mit einem deutschen Pass – die Reise nach Palästina auf eigene Faust unternehmen. Es fahren Busse und Sammeltaxis nach Bethlehem, Ramallah, Hebron, in alle größeren Orte und Städte. Mit einem Mietwagen ist es nicht ganz so einfach, nur eine Gesellschaft erlaubt in ihren Bedingungen eine Überschreitung der Grenze. Ich habe mich – vor allem aus Zeitgründen – für eine “Busreise” entschieden, die ich über mein Hostel in Jerusalem gebucht habe. Zum Abraham Hostel (das ich wirklich empfehlen kann) gehört auch Abraham Tours. Ich habe neben dem Ausflug nach Palästina auch die Tour nach Massada und zum Toten Meer gemacht und war super happy.
Ein kleiner Tipp: Ich war an einem Samstag im Westjordanland. Samstags ist wegen des Shabbat in Jerusalem nahezu alles geschlossen und die Stadt ist wie ausgestorben – der Ausflug ins arabisch-muslimische Westjordanland bietet sich also perfekt an.