Jerusalem ist der Nabel der Welt, so sagt es mein Reiseführer.
Ob das so stimmt, weiß ich nicht. In jedem Fall ist Jerusalem ein religiöses Zentrum, das kaum einen Vergleich auf dieser Welt findet. Für Christen, Juden und Moslems stellt die Stadt einen zentralen Ort des Glaubens dar, die Spannung ist geradezu mit den Händen greifbar. Jerusalem ist religiös – Jerusalem ist eine der spannendsten Städte in denen ich jemals war.

Jerusalem hat ein einzigartiges Gesicht. Unvergleichlich mit irgendeiner anderen Stadt, die ich jemals besucht habe. Eine besondere Stimmung, eine gewisse Spannung, umfasst die ganze Stadt. Sind es die orthodoxen und ultraorthodoxen Juden, die das Stadtbild prägen? Sind es die Soldaten, Polizisten, Sicherheitskräfte die omnipräsent an jeder Ecke stehen? Ist es der Geruch von Weihrauch und Gewürzen, der sich mir in der Altstadt aufdrängt? Oder sind es die unglaublich herzlichen Menschen, die mir schon in den ersten Stunden das Gefühl geben angekommen zu sein?

Fünf Tage hatte ich in Jerusalem, dann noch einen Tag für einen Ausflug nach Masada und ans Tote Meer und einen Tag in Palästina. Fünf Tage für die Stadt – für mich eine perfekte Zeitspanne. Sicherlich kann man die Altstadt auch in einem oder zwei Tagen sehen, ich wollte mir aber Zeit lassen. Pausen machen, das Erlebte auf mich wirken lassen. Die Atmosphäre aufsaugen, mich in das Leben einfühlen.

Die Altstadt von Jerusalem

Die Altstadt von Jerusalem lässt sich grob in vier Viertel aufteilen: Ein jüdisches, ein christliches, ein muslimisches und ein armenisches. Jedes Viertel hat einen  ganz eigene Charm und die Altstadt lässt sich problemlos an einem Tag oder sogar einem Vormittag zu Fuß erkunden.
Ich habe mir erzählen lassen, dass man auf der Stadtmauer eine große Runde um die Altstadt drehen kann. Ein Stück weit die Welt aus der Vogelperspektive entdecken – ein Erlebnis, das ich für meine nächste Reise zum Nabel der Welt aufgehoben habe.  Auf der Mauer gibt es an keinen Stelle Schatten und im August ist der Sonnenstich sozusagen vorprogrammiert. So habe ich auch einen Grund wieder zu kommen.
Wunderschön ist es im August aber in den Gassen der Altstadt, am frühen Morgen. Bevor die Händler ihre Stände aufbauen, bevor die Touristen die Stadt für sich einnehmen. Ich bin durch das Jaffa-Tor in die Altstadt (dort gibt es täglich um 11:00 eine kostenfreie Stadtführung, Anmeldung erfolgt im Vorhinein online) und habe mich zuerst durch das muslimische Viertel treiben lassen. Später am Vormittag ist hier ein wunderbarer Markt, auf dem sich von Gewürzen über frischen Fisch bis hin zu Töpferwaren und Schuhen alles finden lässt. Ich habe mir immer wieder frisches Obst, Säfte und kleine Snacks gekauft. Einfach treiben lassen und mit allen erdenklichen Sinnen genießen.

Die großen Sehenswürdigkeiten sind auch im Gassengewirr der Altstadt gut zu finden und ich habe mich recht schnell im christlichen Viertel mit der Via Dolorosa und der Grabeskirche wiedergefunden. Rund 130 000 Menschen gehen den Kreuzweg Jesu alleine in der Karwoche, ich hatte großes Glück und war vollkommen alleine, ohne Pilger, ohne Reisegruppen. Auf die Dornenkronen und Holzkreuze, die man am Rande der Gassen von (arabischen() Händlern kaufen kann, habe ich großzügig verzichtet und stattdessen die Atmosphäre aufgenommen. Wissenschaftler sind sich heute nahezu sicher, dass der gekennzeichnete Kreuzweg der Via Dolorosa nicht der historisch korrekte Weg ist – aber das spielt keine Rolle. Es ist der Gedanke der zählt, die Stimmung die fesselt. Auf 14 Stationen für die Via Dolorosa vom Todesurteil durch Pontius Pilatus bis zu dem Ort, an dem heute die Grabeskirche steht. Die Grabeskirche ist ein spezieller Ort, es war nicht so, wie ich erwartet oder gehofft hatte. Keine Ruhe, keine ruhige Ecke in die man sich mit seinen eigenen Gedanken zu diesem speziellen Ort zurückziehen kann. Stattdessen Menschenmengen. Touristengruppen. Trotzdem ist die Grabeskirche ein besonderer Ort, auf dessen Besuch ich nicht hätte verzichten wollen.

Und das jüdische Viertel. Viele Talmundschulen, viel Tradition, Synagogen – eine andere Welt. Zwischendrin immer wieder – unter dem heutigen Straßenniveau gelegene – Ausgrabungen aus der römisch-byzantinischen Zeit. Vom jüdischen Viertel aus gelangt man an die Klagemauer.

Die Klagemauer und der Tempelberg

In den Wochen vor meiner Reise waren die verschärften rund um den Tempelberg immer wieder Thema in den Medien. Die Israelis hatten zusätzliche Metalldetektoren installiert und damit für Unruhen und Aufstände gesorgt.  Als ich in Jerusalem war, waren die Detektoren schon wieder abgebaut und entfernt. Ja, man muss durch eine Art Sicherheitschleuse (etwa wie am Flughafen) um einen Zugang zum Tempelberg zu bekommen. Für Nicht-Muslime ist der Zugang nur am Dung Gate möglich. Ich habe die Situation an der Kontrolle allerdings nicht als angespannt oder unangenehm wahrgenommen. Wichtig: Der Tempelberg ist ein heiliger Ort, angemessene Kleidung (lange Hose/langer Rock, bedeckte Schultern) ist zwingend erforderlich. Ein Zutritt in den Felsendom oder die AlAqusa-Moschee ist für Nicht-Muslime nicht möglich.

Männer und Frauen gehen getrennt an die Klagemauer: Der linke Bereich ist ausschließlich für Männer reserviert, die Frauen sitzen/stehen/beten im – sehr viel kleineren -rechten Bereich. In der Altstadt gibt es einen Western Wall-Viewing-Point, von dem man einen sehr schönen Blick hat. Zu dem Aussichtspunkt bin ich eher zufällig gekommen und war von meinem ersten Blick auf diese Mauer mehr als berührt und überwältigt. Ein solch wichtiges Stück Geschichte, ein Ort den ich aus hunderten von Nachrichtenbeiträgen kenne, ein solch bedeutungsschwangeres Bauwerk – und plötzlich stehe ich unerwartet davor. Noch im Morgenlicht gegen etwa 7:30 hatte ich die Chance ortodoxe Juden bei ihrem Gebet am Morgen zu beobachten. Ich saß zuerst eine ganze Weile am Aussichtspunkt und habe einfach nur beobachtet, zugehört und versucht mich zu orientieren. Es hat mich fast ein wenig Überwindung gekostet die Treppen hinunterzusteigen, durch die Schleuse zu gehen und ein Teil der Situation zu werden, ich wollte nicht stören. Ich wollte nichts falsch machen, mich korrekt verhalten, niemandem zu nahe treten. Auf der Frauen-Seite habe ich nochmal gesessen. Beobachtet. Eine Bar-Mizwa-Feier erlebt, gehört, beobachtet. Und es war eine wunderbare Erfahrung die ich nur ganz genau so empfehlen kann: Mach Dich früh am Morgen auf den Weg, genieß das vergleichsweise kühle und angenehme Klima und nimm Dir die Zeit die Menschen in ihrem Alltag zu beobachten und zu erleben.

Vom Berg Moriah – das ist der jüdische Name für den Tempelberg – stammt nach jüdischem Glauben die Erde aus der Gott Adam erschaffen hat, die Geschichte von Isaak und Jakob ist an dieser Stelle angesiedelt, die Klagemauer (die überall als Western Wall ausgeschildert ist) ist der letzte verbleibende Teil des zweiten Tempels – ein wahrlich heiliger, besonderer und geschichtsträchtiger Ort.

Auch die Klagemauer ist ein heiliger Ort, hier reicht die lange Hose/der lange Rock nicht – neben den Schultern sollten auch die Arme bedeckt sein. Eine kleine Anmerkung noch zum Fotografieren: Die Klagemauer ist immer sehenswert, am Sabbat hat sie einen ganz besonderen Zauber – ABER: Bitte verzichte darauf die orthodoxen Juden am Sabbat oder an jüdischen Feiertagen zu fotografieren. Darüber hinaus gilt es natürlich wie überall auf der Welt: Bevor man Menschen (als zentrales Motiv eines Bildes) fotografiert, sollte man um Erlaubnis bitten.

Auf dem Tempelberg sind in einer parkähnlichen Anlage die Al-Aqusa-Moschee und der Felsendom.  Für den Zutritt muss man nochmal durch eine zusätzliche Sicherheitskontrolle, am Eingang wird die angemessene Kleidung begutachtet – auch für Männer sind lange Hosen gefordert.
Der Tempelberg ist der Ort, an dem die Bibel auf den Koran trifft – der Tempelberg ist vielleicht die Wurzel des Nahostkonflikts. Die Juden sind davon überzeugt, dass der Messias  durch das (heute zugemauerte) Golden Gate Jerusalem betreten wird; die Muslime glauben dass sich am Jüngsten Tag auf dem Tempelberg Gut und Böse trennen. Im jüdischen Glauben besteht die Überzeugung, dass das Licht zuerst auf den Tempelberg schien als Gott die Welt erschaffen hat.

Der erste jüdische Tempel wurde um 960 v.Chr. Von Salomo erbaut, nach der Zerstörung durch Nebukadnezar II im Jahr 587 v.Chr. Lies Herodes den zweiten Tempel bauen – wesentlich größer und prächtiger, mit einer goldenen Kuppel. Auch der zweite Tempel wurde zerstört, allerdings von römischen Legionären, erhalten ist heute nur noch die Klagemauer.
Die heutige goldene Kuppel auf dem wunderschönen mit blauen Mosaiken verzierten Felsendom ist relativ neu: Erst 1993 wurde sie von dem jordanischen König Hussein gestiftet. Der Zutritt war mirnicht gestattet, ich habe allerdings gelesen, dass in der Mitte der goldenen Kuppel eine goldene Kette von der Decke hängt – sie markiert das Zentrum der Welt. Strenggläubigen Juden ist der Zugang zum Tempelberg übrigens per Beschluss der Oberrabbiner untersagt: Sie könnten unwissentlich auf das Allerheiligste treten.
In Sure des 17 des Korans wird angedeutet, dass  die Himmelreise des Propheten Mohammed auf dem Tempelberg in der “fernen Moschee” gestartet hat. Der Zugang zur heutigen Al-Aqusa-Moschee bleibt Nicht-Muslimen verwehrt.

Der Zionsberg und das Grab von Oskar Schindler

Wenn man in der Altstadt durch das armenische Viertel geht, gelangt man zum Zionstor. Hier war der Ort, an dem Jesus den Jüngern die Füße wusch, die Verleumdung durch Petrus und den Verrat durch Judas hervorsagte, der Ort an dem das letzte Abendmahl eingenommen wurde.

Natürlich kann man den Raum des letzten Abendmahls besuchen, natürlich habe ich das getan. Mindestens genauso beeindruckend wie dieser Raum ist der Ausblick vom Aussichtspunkt auf den Dach des Gebäudes. Man hat einen sehr weiten Blick und kann unter anderem den Ölberg mit dem jüdischen Friedhof sehen.
Bevor die jüdische Bevölkerung Zugang zur Tempelmauer hatte, war das Grab von König David der Ort an dem viele gläubige Juden am Shabbat gebetet haben. Das Grab ist heute auch für Nicht-Juden zugänglich, natürlich Männer und Frauen getrennt und nur in angemessener Kleidung.
Direkt um die Ecke befindet sich die – Dank ihrem riesigen Turm nahezu unübersehbare – Dormitiokirche. Sie erinnert an den Tod der Gottesmutter Maria.

Der Weg zu dem christlichen Friedhof auf dem Oskar Schindler begraben ist, hat sich als ein bisschen kompliziert herausgestellt. Nur soviel: Der Weg geht nicht rechts an der Kirche von Maria vorbei, sondern links. Man muss nicht einmal rechts um den Berg herumlaufen. Kann man aber, die Aussicht ist schön – ich habe das für Euch ausprobiert 😉 Auf dem Friedhof habe ich einen ganzen Mittag lang im Schatten auf einer Mauer gesessen, einerseits weil ich nach meiner Bergumrundung so erschöpft war, dass ich eine Pause gebraucht habe; andererseits weil es eine ganz wunderbare Atomsphäre war. Ich saß unter einer Pinie, die ganz wunderbar geduftet hat, habe die Situation genossen und die Menschen beobachtet, die zum Grab kamen. Das Grab an sich ist übrigens einfach zu finden: Es ist das Einzige auf dem Friedhof, das nach jüdischer Tradition mit kleinen Steinen bedeckt ist. An dieser Stelle auch noch eine Empfehlung: Wer das Buch “Schindlers Liste” noch nicht gelesen hat oder die Verfilmung noch nicht gesehen hat, der sollte das dringend nachholen. Nachdem es sich um eine wahre Geschichte handelt, kann ich an dieser Stelle schon mal ein bisschen spoilern: Am Ende bekommt Oskar Schindler von “seinen Juden” einen Goldring geschenkt in dem eingraviert ist “Wer auch nur ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt.”

Die Märkte in Jerusalem

Ich würde in den Nahen Osten ziehen – nur wegen der Märkte. Ich liebe Märkte auf denen man von Oliven bis Bratpfannen alles bekommen kann, was das Herz begehrt. Ich liebe es durch die Stände zu schlendern, mich vom Angebot inspirieren zu lassen, hier und da zu probieren, am Ende mit prall gefüllten Tüten wieder zu gehen und zu Hause meine Schätze auszupacken.
Mein Hostel – ich habe im Abraham Hostel geschlafen – lag ganz in der Nähe des Mahane-Yehuda-Markts. Dort, wo Jerusalem modern ist, dort wo das echte Leben spielt. Für mich hätte die Location des Hostels kaum besser sein können: In etwa 20 Minuten war ich zu Fuß in der Altstadt, eine Haltestelle für die Straßenbahn war direkt von der Tür, die Jaffaastreet mit vielen kleinen Shops und Cafés – eine optimale Location. Und dann eben der Mahane-Yehuda-Markt. Ich war tatsächlich fast jeden Tag dort – um eine Kleinigkeit zu kaufen, die Menschen zu beobachten, einen Kaffee zu trinken…am Schönsten war es am Donnerstag Abend: Man kann die Menschen bei ihren Einkäufen zum Sabbat beobachten und bekommt einen guten Eindruck vom Leben.
Rund um den Markt und innerhalb des Marktes sind unendlich viele Cafés, Bars, Restaurants – alle die ich ausprobiert habe waren wirklich richtig gut. Behalte aber bei der Planung des Sabbat im Hinterkopf: Ich bin am Freitagnachmittag von einem Ausflug zurückgekommen und wollte noch schnell etwas zu Essen finden – the struggle was real. Wir haben am Ende noch ein Café gefunden, es war aber nicht ganz einfach.

Yad Vashem

Zu Yad Vashem habe ich einen separaten Artikel geschrieben. Du findest ihn hier.
Eins vorweg: Ein Besuch in Yad Vashem ist absolut zu empfehlen, wenn du in Jerusalem bist.