Zuletzt online um 21:49. Es ist 23:16. Du hast meine Nachricht gesehen und gelesen.
„Zuletzt online“ ist eine Foltermethode der Moderne. Textnachrichten an sich sind eine Folter der Moderne. Nie war es so einfach zu kommunizieren, nie war es so schwierig zu kommunizieren. Die eigenen Gefühle korrekt ausdrücken und die Nachrichten des Gegenüber korrekt interpretieren? IEin Ding der Unmöglichkeit.

*Dieser Beitrag enthält PR-Samples und Affiliate-Links. 

Ich merke, wie der Ärger in mir aufsteigt, Wir waren verabredet. Lose verabredet aber doch verabredet. Irgendwie.
Du siehst meine Nachricht mit der Frage nach Zeit und Ort. Du antwortest nicht, Das Gedankenkaroussel beginnt sich zu drehen. Willst du mich nicht sehen? Hat sich eine bessere Option gefunden? Hast du vergessen zu antworten?

Texting is a brilliant way to miscommunicate how you feel and misinterpret what other people mean. 

Zuletzt online um 21:49. Ich möchte mich nicht ärgern, es war nur eine lose Verarbredung. „Lass uns nachher zusammen etwas unternehmen, Inchallah akeed.“ Akeed, das ist der wichtige Teil – Sicherlich. Ganz bestimmt, auf jeden Fall. Ich möchte mich nicht ärgern, weil ich weiß, dass ich in Jordanien bin. Du hast ein anderes Verständnis von Verabredungen als ich; ein anderes Gefühl für Verbindlichkeit. Genervt bin ich trotzdem, kann es nicht verhindern, dass der Ärger langsam aufsteigt. Ich hätte etwas besseres mit meiner Zeit anfangen können, als zu warten.

Online.
Aha, du bist also nicht verschwunden oder gekidnapped. Du hast tatsächlich einfach nur keine Lust zu antworten. 23:45. Ich schalte das Telefon aus für diesen Abend. Nehme mir vor nicht am kommenden Morgen direkt als erstes nachzuschauen. Möchte mich nicht so sehr davon abhängig machen. Denn ich kenne auch die andere Seite.

Ja, ich bin online. Nein, ich habe Deine Nachricht nicht beantwortet. 
Vielleicht weil das offline-Leben gerade dazwischen kam. Vielleicht, weil du keine Frage gestellt, sondern mich nur über etwas informiert hast. Vielleicht tatsächlich auch mal, weil ich so genervt bin, dass es für die weitere zwischenmenschliche Beziehung besser ist, wenn ich erstmal durchatme und dann ein paar Stunden später antworte. Nicht jeder Mensch muss 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche zur Verfügung stehen. Eine lose Verabredung nicht einzuhalten, davon geht die Welt nicht unter. Schon gar nicht, wenn es eine Verabredung „Inchallah“ war.
Ich weiß, dass ich an mir und meiner Erwartungshaltung arbeiten muss. Dir gegenüber, mir gegenüber.

9.36 „Hey, es ist gestern spät geworden – ich habe es nicht mehr geschafft. Hast du heute Lust auf einen Kaffee?“
Meine erste Reaktion wäre eigentlich „No shit, das habe ich gemerkt. Aber eine Minute um schnell per WhatsApp abzusagen hättest du Dir schon nehmen können. Jetzt hab ich auch keinen Bock mehr mit Dir Zeit zu verbringen.“ Würde es das besser machen? Eher nicht. Ich wäre meinen Ärger vielleicht ein bisschen los, aber eigentlich ist der Ärger jetzt am nächsten Morgen eh nicht mehr da. Ich schlucke meine bissige Antwort runter, ich weiß dass du es nicht mit böser Absicht vergessen hast. Es war einfach nur ein Missverständnis der Verbindlichkeit, eine Schwachstelle der interkulturellen Kommunikation.

Blazer – more&more
Top – hm
Jeans – Hilfiger
Schuhe – Birkenstock
Tasche – Furla

„Sicherlich, ich melde mich nach meinem Unterricht bei Dir – Inchallah.“
Mit einem Mal fühle ich mich integriert in den jordanischen Alltag, die Kultur und den Sprachgebrauch. In diesem Moment plane ich tatsächlich mich später  zu melden. Aber ich weiß auch, dass es kein Drama ist, wenn mir oder Dir etwas dazwischen kommt – dann war es nicht Gottes Wille, dass wir uns heute auf einen Kaffee treffen.
9:46 – zwei blaue Häckchen. Inchallah.