In meinem arabisch Unterricht werden die Anteile des „freien Sprechens“ immer größer. Mal erzähle ich von einem Thema, das mich gerade beschäftigt – mal werden mir die Themen von meinen Lehrerinnen vorgegeben. Die schwierigste Viertelstunde bis jetzt? „Sag mal Annalena, was denkst du eigentlich über die Rolle der Frau in der arabischen Welt?“. 

Puh. Mein erster Impuls war es, noch schnell ein anderes Thema vorzuschlagen. Von meinem Ausflug am Wochenende zu erzählen, davon wie ich mit einer syrischen Familie ein traditionelles Gericht gekocht habe oder von meinem Zwischenstop in Cairo vor ein paar Wochen. In meinem Kopf war der Gedanke „Beim Smalltalk niemals über Religion und Politik sprechen.“ Die Rolle der Frau in der arabischen Welt ist irgendwie ein Teil von beidem, umfasst nicht nur Religion und Politik, sondern auch tief verankerte Traditionen.

Dann habe ich erzählt. Von meiner ersten Erfahrung mit dem Thema in Jordanien: Ich durfte in einem Auto nicht vorne sitzen. Nun wird mir schnell schlecht im Auto und in Verbindung mit dieser Erklärung wurde mir der Platz auf dem Beifahrersitz – zumal bei längeren Autofahrten – noch kein einziges Mal verweigert. Nirgends auf dieser Welt. Für alles gibt es ein erstes Mal. Die einfache Erklärung: “ Das geht nicht, du bist eine Frau. Wenn Dir schlecht wird, halten wir an.“

 

Ich erzähle aber auch von all den anderen Erfahrungen, die ich gemacht habe. Davon wie sehr ich es wertschätze, dass in Amman alles toleriert wird: Man kann den Hijab tragen, man muss aber nicht. In meinem Fitnessstudio trainieren komplett verschleierte Frauen neben solche in Hotpants und Sportsbra (beide Frauen waren in diesem Fall Jordanierinnen). Ich erzähle davon, wie herzlich mich die Menschen aufgenommen haben. Ich erzähle davon, dass ich junge Jordaniernnen kennengelernt habe, die zu Hause ausgezogen sind und in einer anderen Stadt studieren. Dass ich davon begeistert bin, wie viele Frauen in den unterschiedlichsten Berufen arbeiten.

Und ich frage sie vor allem auch, wie sie selbst die Rolle der Frau in der arabischen Welt empfindet.
Sie ist noch jung, sehr jung. Vielleicht 22 oder 23 – so genau will sie mir das nicht erzählen. Sie hat studiert und arbeitet jetzt als Lehrerin. Wohnt bei ihrer Familie, natürlich. Aber sie empfindet das nicht als Einschränkung, sondern als Erleichterung. Und wenn sie mir davon berichtet, dass sie sich um nichts kümmern muss, keine Verantwortung trägt…dann verstehe ich für einen Moment durchaus was sie meint. Sie, die immer ungeschminkt mit Hijab und Abaya unterrichtet, zeigt mir ein Bild von sich, wie sie zu Hause aussieht. Eine bildhübsche geschminkte junge Frau. Roter Lippenstift, die großen Augen mit schwarzem Kayal betont, die langen Haare in weichen Wellen über die Schultern.
Sie erzählt mir von ihren Plänen für die Zukunft, wie sie selbst etwas dazu beitragen will, dass sich die althergebrachten Rollenverständnisse auflösen, lockern. Ihre Augen leuchten und ich merke, dass sie es ernst meint. Sie will etwas verändern und sie glaubt ganz fest daran, dass die Zeit reif ist. Ich frage sie, wie sie glaubt, dass sich die Region entwickelt – wie sich die Rolle der Frau in der arabischen Welt entwickeln wird. Ihre Antwort? „The future is female.“

In einigen Wochen werde ich wieder zurück sein in Amman. 
Ich habe viele Fragen dazu bekommen, wie ich mich als Frau im Nahen Osten gefühlt habe. Ob ich mich problemlos frei bewegen konnte, ob ich belästigt wurde oder Angst hatte. Nein, ich hatte nie Angst, wurde nicht belästigt und war auch nicht in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Ich habe mich in meinem Kleidungsstil ein Stück weit angepasst: Keine Shorts, keine kurzen Röcke. Ich habe auch als es heiß war keine Trägertops getragen und versucht ein Stück weit „einzublenden“. Nicht weil ich es dringend tun musste, sondern weil es für mich eine Frage des Respekts ist. Natürlich gibt es in Jordanien – so wie im Übrigen überall auf dieser Welt – Frauen, die von Ihren Ehemännern, Brüdern, Vätern, Familien unterdrückt werden. Das kann und will ich nicht wegdiskutieren, auch nicht, dass die Anzahl der Frauen, die in starker Abhängigkeit von ihrem männlichen „Vormund“ stehen höher ist, als es in West Europa der Fall ist. Aber es gibt auch andere Beispiele, es gibt sehr sehr viele sehr selbstbestimmt lebende Frauen, es gibt moderne Ehen und Familien. Wie eigentlich immer und überall lernt man die unterschiedlichsten Menschen mit den verschiedensten Weltbildern kennen – wenn man dafür offen ist.
Und ich sehe es so: Wenn ich einen Missstand entdecke, der mich stört, umtreibt, den ich für meine Wahrnehmung als nicht gerechtfertigt empfinde – dann liegt es an mir meinen Teil dazu beitzutragen, dass diese Situation eine Besserung erfährt. Und genau deswegen gehe ich wieder zurück in den Nahen Osten.