850.000 Menschen. Und das ist nur eines der großen Flüchtlingslager. 850.000 Menschen, das ist mehr als drei Mal so viel, wie in meiner Heimatstadt leben.
Je weiter man von Amman aus nach Norden fährt, desto bewusster wird einem: Der Krieg ist nicht weit weg.
Nachdem ich schon in der letzten Wochen wegen Ausfällen in der Schule ein langes Wochenende hatte, habe ich mich am vergangenen Dienstag über den (zugegebener Maßen unerwarteten) Feiertag gefreut. Der erste Mai wird tatsächlich auch in Jordanien als Tag der Arbeit gefeiert.

Ich habe den freien Tag für einen Ausflug in den Nord-Osten des Landes genutzt und endlich die Wüstenschlösser angeschaut. Auch wenn es noch einen gesonderten Beitrag dazu geben wird – es ist einfach zu schön, um es nicht zu zeigen – schon so viel voraus: Es lohnt sich. Die Fahrt zieht sich, die Strecke ist recht unspektakulär – die Castles hohlen es wieder raus.

Neben dem eigentlichen Ziel – den Dessert Castles – habe ich noch einen anderen Teil des Landes gesehen. Einen, der unabdingbar dazu gehört: Mehr als 40% der in Jordanien lebenden Menschen sind Flüchtlinge. Aus Palästina und dem Irak, aktuell natürlich zu einem großen Teil auch aus Syrien. Ich bin an einem der größten Lager im Norden vorbeigefahren, 850.000 Menschen leben dort, eine unvorstellbare Zahl. Mehr als drei Mal so viele Menschen, wie in meiner Heimatstadt leben. Mitten in der Steinwüste, in Zelten – unter Bedingungen, die man sich nicht ausmahlen möchte. Nicht ausmalen kann.
Viele Flüchtlinge (vor allem die, die früh Syrien verlassen haben) sind in Jordaninen in das ganz normale Alltagsleben integriert. Sie haben Jobs, Wohnungen – ein (unter den Umständen) ganz normales Leben. Und dann gibt es eben die Bewohner der unterschiedlichen Lager. Manchen geht es besser, anderen weniger gut. Am Lager vorbei zu fahren, hat mir die Situation nochmal präsenter gemacht.

Trotz der Luftangriffe der vergangenen Wochen kann man in Amman schnell vergessen, dass der Krieg nur eine Stunde nördlich tobt. Man hört hin und wieder einen tieffliegenden Jet, die Checkpoints auf den Highways wurden aufgestockt und wer die Nachrichten verfolgt, dem bleibt der Krieg nicht verborgen. In Amman selber geht das Leben weiter. Ganz normal.
Das Flüchtlingslager und die Straßenschilder im Norden, auf denen plötzlich Syrien und der Irak auftauchen, machen es deutlich: Ich bin in einer Krisenregion. Jordanien gilt als sicherer Hafen, als stabiler Ort in der Region, trotzdem sind wir uns alle bewusst, dass die Situation sich jeden Tag verändern kann; dass die Stimmung kippen kann.

In wenigen Tagen wird die „neue amerikanische Botschaft“ in Jerusalem bezogen und offiziell eröffnet. Die Stimmung unter den Palästinensern in Amman ist angespannt. Es wird mit stark besuchten Demonstrationen nach den Freitagsgebeten gerechnet, die amerikanische Botschaft in Amman ist schon seit Monaten weiträumig abgesperrt. Wie sich die Situation entwickelt, kann keiner so ganz genau sagen. Nur, dass sich etwas verändern wird – das steht unbestreitbar fest.