Die letzte Woche ist an meine Substanz gegangen – hat mich wirklich gefordert.
Im letzten Monat konnte ich in Jordanien eine Art “Parallel-Leben” führen, nicht wirklich verbunden mit den Themen, Aufgaben, Entscheidungen, die in Deutschland auf mich warten. Irgendwie habe ich es geschafft mich hier komplett von der Realität zu entkoppeln und vier Wochen lang einfach vor mich hin zu leben. Dann hat mich das echte Leben eingeholt. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung – plötzlich war es einfach da. Entscheidungen, die ich nicht treffen wollte. Konsequenzen, denen ich nicht ins Auge sehen wollte.
Am liebsten hätte ich mich in meinem Zimmer verkrochen (ohne Licht, die Elektrizität war nicht so zuverlässig in der letzten Woche). Ich hätte es gerne ausgesessen, nicht reagiert. Aber das war keine Option mehr.

Ich konnte mich nicht konzentrieren, meine Gedanken sind ununterbrochen abgedriftet, Auf Wanderschaft gegangen.
Ich habe schlecht geschlafen, war unaufmerksam und unkonzentriert in meinen Arabisch-Kursen. Ich habe gemerkt, wie ich mit jedem Tag mehr und mehr zu einem Menschen werde, mit dem ich selbst keine Zeit verbringen will. Unausgeglichen, launisch, nicht zufrieden zu stellen. Natürlich kenne ich den Grund. Ich kenne ihn und will ihm nicht in die Augen sehen. Ich möchte mich der Situation nicht stellen – und weiß doch, dass es keinen anderen Ausweg gibt.
Meine Gedanken kreisen und kreisen. Tag und Nacht.

Zum ersten Mal seit Jahren leide ich unter Schlaflosigkeit.
Ein Problem, mit dem ich gar nicht vertraut bin. In der Regel schlafe ich ein, sobald ich meine Augen schließe. Nachdem ich aus Athen zurück kam, habe ich drei oder vier Nächte am Stück wachgelegen. Ununterbrochen erschöpft und müde – aber ohne Schlaf zu finden. Ohne zur Ruhe zu kommen. Ohne meinen kreisenden Gedanken eine Auszeit zu gönnen.

Letztlich war es der Mittwochabend, der meinem Gedankenkaroussel ein Ende gesetzt hat.
Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich eine Woche verschwendet und verloren habe. Unwiederbringlich. Eine ganze Woche meiner kostbaren Zeit hier in Jordanien. Nicht nur, dass ich den finanziellen Gegenwert meiner Stunden in meinem Arabisch-Kurs verloren habe. Gefühlt habe ich dort in der letzten Woche tatsächlich kaum etwas gelernt, weil meine Aufmerksamkeit einfach nicht wirklich in der Schule war. Ich habe nicht nur das Geld “verloren” – vorallem habe ich die Zeit verloren. Und das war es letztlich, dass es Kreis durchbrochen hat. Ich will keine Zeit verlieren. Keinen Tag, keine Stunde – nicht mal mehr eine Minute will ich verlieren.

Ich habe mir den Donnerstagmorgen frei genommen, hole meine Stunden und den für Donnestag angesetzten Test nach. Endlich komme ich zur Ruhe, schlafe ein bisschen, fühle mich wieder wie ein Mensch. Am Nachmittag verbringe ich Zeit mit meinen Mitbewohnerinnen, wir schlendern durch bisher unentdeckte Viertel von Amman und mit einem Mal sind die Gedanken wie weggewischt. Ich habe noch keine Lösung für alle Probleme, keine Antworten auf alle Fragen – aber ich weiß jetzt, wie ich es anpacken will.
Ich bin wieder bei mir, ich weiß wieder, warum ich eigentlich nach Jordanien gekommen bin.

Die letzte Woche hat mir viel abverlangt – aber sie hat mir auch gezeigt, was mir wichtig ist. In welche Richtung der Weg weiter gehen soll – Inchallah.