Jordanien ist nicht Deutschland. Hier gibt es keinen Mindestlohn.
Das wusste ich, das überrascht mich nicht. Mir war auch immer bewusst, dass die meisten Menschen hier wenig verdienen. In Shops und Cafés, in Büros, als Lehrer: Die Gehälter sind überschaubar. Wie gering sie sind, dass war mir bis zur letzten Woche nicht bewusst.

Ich saß in einem meiner Lieblingscafés. Wenn ich Heimweh bekomme (oder meist einfach nur, weil ich Lust auf einen guten Cappucchino habe), gehe ich dort hin. Es ist nicht ganz günstig: Der Cappucchino schlägt mit 3,50 JD zu Buche. Das sind etwas mehr als 4€. Selbst in München fände ich das nicht wenig; trotzdem bin ich ab und an dort. Die Atmosphäre ist nett, man trifft andere Expats, der Kuchen ist gut…und es sind nur wenige Minuten zu Fuß von meiner Wohnung.
Eine Freundin aus der Schule saß am Tisch neben uns, sie hat in einem Nebensatz erwähnt, dass sie mal für einige Tage in ebendiesem Café gearbeitet hat. Sie erzählt, dass sie aufgehört hat – sie kam oft so spät raus, dass kein Bus mehr zu ihrer Wohnung fuhr, sie musste für 3 JD ein Taxi nehmen. Das war der Erlös von zwei Stunden Arbeit. Ich habe mich fast an meinem Cappucchino verschluckt. 1,50 JD Stundenlohn. Das ist nichts.

Damit wir uns richtig verstehen: Ein Café in dem ein Kaffee in verschiedenen Zubereitungsarten bei 2 JD los geht zahlt diesen Stundenlohn. Ich konnte es kaum fassen und habe in den folgenden Tagen mit einigen jordanischen Freunden gesprochen. Alle haben mir versichert, dass das keine schlechte Ausbeute ist. Alle haben mir aber auch zugestimmt, dass es vorne und hinten nicht reicht. Dass die meisten Studenten zwei Jobs neben ihrem Studium haben, damit sie über die Runden kommen.
Natürlich ist das Leben in Jordanien in vielen Bereichen etwas günstiger, als es in Deutschland ist. Wenn man auf dem Markt einkauft, wenn man nicht zentral in Amman oder gar nicht in Amman lebt. Wenn man auch beim Kleidungskauft und im Haushalt auf Marken und Anbieter aus dem Nahen Osten setzt. Trotzdem ist ein Wochengehalt von 72 JD (davon ausgehend, dass man sechs Tage die Woche je acht Stunden arbeitet) bei Weitem nicht genug. Es deckt vielleicht die Miete, für die Lebenshaltungskosten braucht man einen zweiten Job.

Ein anderes Beispiel: Ein befreundeter Journalist, der für einen englisch sprachigen Radiosender arbeitet. Bachelorabschluss in Journalistik und Englisch, dazu ein Master im Ausland. Ein Mann, der eine gewisse Zeit in seine Ausbildung investiert hat. Ein Mann der einen guten Job hat. Am Ende des Monats bleiben ihm knapp 700 JD. Eine Wohnung, die er sich nicht teilen muss? Seine Freundin mal zum Essen einladen? Eine Auslandsreise in den Libanon, wo seinen Familie lebt die er seit Jahren nicht gesehen hat? Keine Chance. Die 200 JD für den Flug (es ist unfassbar teuer von und nach Amman zu fliegen, selbst kurze Strecken) bekommt er nicht zusammen.

Kann das wirklich sein? Darf das wirklich sein?
Und was ist meine Konsequenz? Gehe ich nun nicht mehr in diese Cafés? Wissentlich, dass es in anderen Cafés keine bessere Bezahlung für die Mitarbeiter gibt – aber immerhin ist auch die Gewinnspanne der Besitzer geringer? Ist es weniger Ausbeutung, wenn der Besitzer des Cafés einen geringeren Umsatz macht?