Ich kann der Versuchung nicht wiederstehen: Immer mal wieder schaue ich nach, wer sich meine Instastories so anschaut. Nicht alle Nutzernamen, das wäre zu zeitaufwändig. Aber vielleicht die ersten zehn oder fünfzehn. Es sind eigentlich immer die gleichen Namen. Den Großteil dieser Menschen kenne ich auch persönlich, wir stehen auch abseits meiner Stories in engem Austausch. Und dann sind da die Anderen. Die mich im echten Leben auf der Straße nicht grüßen, die seit Wochen und Monaten ghosten und nicht auf Nachrichten antworten. Aber jede meiner Stories schauen. Innerhalb der ersten fünf Minuten wenn sie online sind.
Mir stellt sich die Frage nach dem Warum. 

Es ist recht einfach etwas über mich herauszufinden.
Mein Name ist – in Kombination von Vor- und Nachname – nicht besonders populär und schnell kann man die wesentlichen Punkte meines Lebens herausfinden. Wo ich zur Schule gegangen bin, mein Studienfach inklusive des Themas meiner Magisterarbeit und des Professors, meinen beruflichen Werdegang, diesen Blog. Bin ich deswegen und wegen meiner Präsenz in den sozialen Medien ein gläserner Mensch?

Nein, bin ich nicht. Ich zeige online und in den sozialen Medien genau das, was ich zeigen möchte. Ich teile den Teil meines Lebens und meiner Persönlichkeit, den ich in der Öffentichkeit zeigen und sehen möchte. Es gibt einen Menschen, der nur offline existiert. EInen privaten Menschen, den man so im Netz niemals treffen wird.
Meine Stories schauen, meine Seite aufrufen – und meine privaten Nachrichten ignorieren? Ein Verhalten, das sich mir nicht erschleßt, wenn man in einem – eigentlich – freundschaftlichen Verhältnis steht. Vielleicht aber auch, weil es sich mir ganz grundsätzlich nicht erschließt – das Konzept des Ghostings. Weil ich ein Mensch bin, der eher ausdiskutiert. Ein Mensch, der dem direkten Konflikt, der Konfrontation, dem Streit niemals aus dem Weg geht. Einfach wortlos abtauchen, von der Bildfläche verschwinden? Nicht mein Ding.
Und wenn ich abtauchen würde, mich mit einem Menschen nicht mehr austauschen – dann interessiere ich mich doch auch wirklich nicht mehr für ihn? Dann verfolge ich doch nicht – gefühlt – jeden Schritt, den dieser Mensch macht. Dann vergifte ich doch mein Leben und meinen Tag nicht mit der (virtuellen) Präsenz eines Menschen, mit dem ich gebrochen habe.

In den letzten Tagen habe ich viel über die Bilder nachgedacht, die uns von sozialen Medien und Internet vorgegeben werden.
Über das Gefühl, das vermittelt wird. Das Gefühl einen Menschen zu kennen. Zu wissen, was man zu erwarten hat. Wenn mir Freundinnen berichten, dass sie jeden Mann ausgiebig googlen und schon vor dem ersten Date alles über den Betreffenden wissen – dann frage ich mich, wo die Spannung bleibt. Stellt man dann während des Dates noch Fragen? Setzt man ein (gekünstelt) überraschtes Gesicht auf, wenn er erzählt, dass er den Jahreswechsel in Südafrika verbracht hat – und denkt sich im Stillen „Ich weiß, ich habe es bei Facebook und Instagram gesehen.“?
Es ist schon lange her, dass ich gedated habe. Es ist schon lange her, dass ich dieses erste Kribbeln hatte – aber ich weiß genau, dass ich damals so gut wie nichts über ihn wusste. Dass ich mich auf das Date eingelassen habe, ohne ihn und seine Online Präsenz auf Herz und Nieren zu prüfen (was mich übrigens auch heute noch vor eine Herausforderung stellen würde – er ist im Netz nahezu nicht auffindbar).

Werde ich langsam so alt, dass mir diese Mischung aus Stalking und Ghosten komisch vorkommt? BIn ich jetzt mit 30 an dem Punkt angekommen, an de ich sage „Also wir haben das ja damals anders gemacht.“?
Fast scheint es so. Ein beunruhigendes Gefühl, dass mir (mal wieder) bewusst macht, dass ich wohl langsam aber sicher, ganz ohne es zu bemerken, erwachsen werde. Alt werde. Aber das ist ok. Im Gegenzug hatte ich damals dieses Kribbeln im Bauch – nicht alles über mein Date zu wissen. Aber die Gewissheit zu haben, dass ich alles erfahren will. Und irgendwann auch die Gewissheit zu haben, dass ich den Rest meines Lebens habe, um ihn wirklich kennenzulernen, offline und ohne Insta-Story.