„Hast du Lust auf Waldbaden in Seefeld in Tirol?“ Als die Mail kam, lag ich bei über 40 Grad in Amman am Pool und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als ich einen kühlen Waldsee in Tirol zu springen. Schnell habe ich zugesagt. Und erst dann habe ich rausgefunden, dass man zum Waldbaden keinen Bikini braucht, sondern vielmehr festes Schuhwerk. Waldbaden ist nämlich ganz anders.

*Pressereise

Waldbaden – was ist das eigentlich?

Waldbaden oder Shinrin Yoku wie es im japanischen heißt, ist eine Form der Achtsamkeitsübung und der Entspannung, die als neuer Trend aus Asien zu uns herüber schwappt. Waldbaden, das bedeutet sich auf den Wald einzulassen. Ihn mit allen Sinnen zu erleben, aufzunehmen, die Ruhe und Entspannung zu spüren, die von einem Tag oder einigen Stunden im Wald ausgeht. Die perfekte Entspannung für den gestressten Städter, der viel zu wenig Zeit im Grünen verbringt. Perfekt für mich also.
Wenn ich in Amman etwas vermisst habe, dann waren es Parks und Wälder. Wälder vor allem. In der Wüste wachsen nur sehr bedingt Bäume, in den Oasen eben. Davon hat Jordanien nicht viele. Wälder im Nahen Osten sind im Allgemeinen nicht unbedingt das, was ich unter dem Begriff verstehe. Gerade weil ich die grünen Blätterdächer so sehr vermisst habe, fand ich die EInladung zum Waldbaden nach Seefeld in Tirol ganz wunderbar – auch noch, als ich herausgefunden habe, dass man dazu keinen Bikini braucht.

Als ich mich in Saarbrücken ins Auto setze, lehrt mich die Natur dankbar zu sein. Wie habe ich in Amman, Jerusalem und Madrid darüber geschimpft, dass ich schwitze. Wie habe ich darüber philiosophiert, dass mehr Regen dem Land so gut tun würde, wie der Regen die Temperatur ein bisschen drücken würde. In Deutschland regnet es dann; es nieselt nicht, die Welt geht unter. 600 km lang, bis wir das Ortschild von Seefeld passieren. Nach dem Ortsschild immer noch. Und am nächsten Morgen, als ich mich auf dem Weg zur ersten Session Waldbaden mache.

Eigentlich spielt das Wetter beim Waldbaden keine Rolle.

Langsam wird mir bewusst, dass ich nicht die richtige Kleidung mitgebracht habe. Oder anders: Das wusste ich schon vorher. Meine Auswahl war begrenzt, für Juli hatte ich einfach keine Winter- und Regenbekleidung eingeplant und musste in Saarbrücken aus meinem Koffer diejenigen Stücke auswählen, die am ehesten Sinn gemacht haben. Jeans und ein Paar Sportschuhe aus Stoff. Schon nach ein paar Schritten im Wald sind meine Zehen nass, ich spüre förmlich das schmatzende Geräusch, dass bei jedem meiner Schritte entsteht.
Gleichzeitig entscheide ich mich, dass ich mich auf dieses Experiment einlassen will. Waldbaden. Während einer Übung mit Naturcoach Verena Hiltpold schließe ich an einen Baum gelehnt die Augen. Das Trommeln des Regens auf meinen Schirm wird immer lauter, ich spüre die knorzelige Rinde der Lärche im Rücken, rieche den intensiven Duft des Harzes und der Nadelbäume um mich herum. Ich nehme wahr, wie weich meine Füße auf dem moosbewachsenen Waldboden stehen. Als ich die Augen wieder öffne, blicke ich durch den Schleier des Regens auf eine Lichtung. Schön sieht es aus. Friedlich und irgendwie romantisch.

Fast bin ich ein bisschen enttäuscht, als wir zurück in den Ort gehen. Meine Füße sind kalt und nass, ich würde gerne einen Tee trinken oder in meine riesige freistehende Badewanne klettern – aber eigentlich würde ich auch ganz gerne noch ein bisschen mehr Zeit im Wald verbringen. Die Atmosphäre noch ein paar Minuten auf mich wirklich lassen. Tief durchatmen und die reine klare Luft in einem Wald genießen, die Höhenluft von Seefeld aufnehmen.

Am nächsten Morgen wache ich auf, weil mich ein Sonnenstrahl an der Nase kitzelt. Seefeld zeigt sich von seiner besten Seite – die zweite Runde Waldbaden findet bei Sonnenschein statt. Was gestern romantisch und leicht melancholisch gewirkt hat, sprüht heute vor Leben. Das Sonnelicht bricht durch das Blätterdach des Waldes, zeichnet unregelmäßige Muster auf den Waldboden. Ich lerne, dass in Seefeld so viele Lärchen wachsen, weil sie sich (früher) perfekt für die Mischwirtschaft geeignet haben: Das Holz wurde zum befeuern im Bergwerk verwendet, Lärchen lassen es aber auch zu, dass zwischen ihnen Gras wächsz. So konnte das Vieh im Wald geweidet werden.
Für einen Moment stocke ich, als Verena uns dazu auffordert uns in einem Kreis um einen Baum zu stellen und an den Händen zu nehmen. Meist komme ich mir bei solchen Dingen extrem albern vor, fühle mich unwohl. Jetzt bin ich aber nun mal in dieser Gruppe, kann der Situtation nicht wirklich entkommen. Wir stellen uns also alle mit dem Rücken zum Baum in der Mitte, nehmen uns an den Händen und lassen uns leicht nach außen fallen. Durch die Kraft der Gruppe wird der Einzelne getragen und ich muss vor mir selbst eingestehen, dass es eigentlich ganz schön ist.

Und was mache ich als Städter jetzt mit dem Waldbaden?

Studien belegen, dass es uns gut tut mindestens ein Mal pro Woche in den Wald zu gehen. Das überrascht mich wenig.
Abschalten, durchatmen, zur Ruhe kommen und einfach mal nur sein. Natürlich tut das gut – das weiß man schon lange. Jetzt hat das Kind einen Namen bekommen, der es noch ein bisschen attraktiver macht. Shinrin Yoku. In München habe ich es ziemlich gut getroffen, wirklich weit habe ich es nicht bis zum nächsten Wald. Zur Not hilft auch ein Park, eine grüne Wiese. Ein Mal pro Woche ist besser als nichts, eine halbe Stunde im Gras zwischen den Bäumen tut uns besser, als eine halbe Stunde auf dem Sofa mit Netflix.
Man kann einen Baum umarmen (das tut erstaunlich gut, ich habe das mal für Dich auspriobiert) – es muss aber nicht sein. Das ist eigentlich der Schlüüssel: Es muss gar nichts. Der entscheidende Gedanke ist, dass es gut tut, in der Natur zu sein. Und dass ein paar Minuten oder Stunden in der Natur uns genau da abholen, wo wir sind. Der Gedanke, dass die Natur „für uns da ist“ zu jedem Zeitpunkt, uns wieder runterholt, zur Ruhe bringt – das ist für mich ein sehr beruhigender und angenehmer Gedanke. Einfach mal nichts tun und den Wald wirken lassen – das ist Waldbaden.

*Vielen Dank an den Tourismusverband Seefeld in Tirol für die Einladung. An die Reise waren keine Bedingungen geknüpft, ich habe mich aus freien Stücken für eine Berichterstattung entschieden.