Ich sitze in einem Café und arbeite. Immer wieder lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen und beobachte die anderen Gäste. Ein Stück weit bin ich deswegen gerne im Café: Ich beobachte gerne andere Menschen – das klingt ein kleines bisschen als hätte ich ein Stalker-Problem. So ist es aber nicht. Wirklich. Ich beobachte gerne andere Menschen, weil sie mich inspirieren und mir immer wieder neue Ideen verschaffen.

Ich beobachte also die anderen Menschen im Café – und ich bin erschüttert.

Eine Mutter sitzt mit einem Kleinkind am Tisch. Das Kind brabbelt und „erzählt“, haut ein paar Bauklötzchen auf den Tisch. Die Mutter schaut genervt hoch und ermahnt das Kind „Jetzt spiel doch mal alleine.“ Dann beschäftigt sie sich wieder mit ihrem Smartphone. Das Kind ist in keinem Fall älter als 15 Monate – wie soll es sich denn alleine beschäftigen???

Am Nachbartisch sitzen zwei Freundinnen, die kein Wort wechseln. Immer mal wieder greifen die Beiden – ohne hochzuschauen – nach ihren Rhabarber-Saft-Schorlen. Sie sind mit den Augen vollkommen festgeklebt an ihren Smartphones.

Nun bin ich wirklich keine Unschuldige in diesem Bereich: Ich kann ohne mein Smartphone nicht leben. Wenn ich es zu Hause vergesse, drehe ich um und fahre wieder nach Hause. Es macht mich nervös, wenn ich es nicht greifbar habe. Mein Leben und meine Lebensgrundlage sind mit diesem Gerät verbunden. Trotzdem lege ich immer wieder Pausen ein: Im Urlaub auf Kuba habe ich gemerkt, dass sich die Welt weiter dreht, wenn ich meine Mails nicht 15 Mal am Tag checke. Instagram läuft auch ohne mich weiter und ich brauche nicht immer alle Snaps direkt zu sehen. Ich kann ganz einfach Smartphone-Pausen machen – für mich ist es inzwischen wichtiger, dass ich mein Smartphone checken KÖNNTE, als es tatsächlich zu tun. Ob das ein echter Fortschritt ist? Ich weiß es nicht, aber ein Schritt ist es allemal.

Eine komplett Smartphone-freie-Zeit gibt es aber für mich: Wenn ich mit anderen Menschen zusammen im Café oder Restaurant bin. Ich snappe vielleicht noch mein Essen und dann kommt das Telefon in die Tasche. Was können meine Freunde und meine Familie für meinen Beruf? Richtig – nichts. Und sie haben auch nichts damit zu tun. Ich genieße es immer wieder einfach Zeit mit ihnen zu verbringen, mich auf das zu konzentrieren was sie mir erzählen.

Sich ausschließlich mit seinem Gegenüber zu beschäftigen und auseinander zu setzen ist für mich eine Frage der Wertschätzung. Meine Freundinnen nehmen sich die Zeit im Café schließlich auch.  Vielleicht will meine Mama auch gar nicht, dass ihre Wohnung und der Frühstückstisch auf Snapchat landen. Vielleicht will mein Freund sich mit mir unterhalten, ohne dass ich dabei Kommentare auf Instagram beantworte. Ich möchte meine Mitmenschen wertschätzen und ihnen die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die sie verdienen. Ich bin sicherlich nicht perfekt, aber ich gebe mir große Mühe und arbeite an mir.

Ich wünsche mir, dass auch andere Menschen sich wieder ein bisschen mehr Mühe geben – Wertschätzung für Andere ist eine gute Eigenschaft. Ich wünsche mir, dass ich wieder etwas mehr davon erfahre.