Es ist der erste Januar. 19:26. Ich sitze am Flughafen in Warschau und warte auf meinen Anschlussflug nach Frankfurt. Am Gate steht ein Flügel, eine Mitreisende spielt seit einer Viertelstunde eine Sinfonie. Ich schaue auf die Uhr: Noch eine Viertelstunde bis zum Boarding. Ganz bewusst wollte ich mir den heutigen Tag noch gönnen. Ein Urlaubstag. Mein erster Urlaubstag als Selbstständige. Meiner erster Tag als Selbstständige überhaupt. Ich lausche der Sinfonie und plötzlich trifft mich die Realität: Das hier ist mein Traum. Seit Jahren habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als mich selbstständig zu machen. Mein eigener Chef sein. Räumlich unabhängig arbeiten und für mich selbst sorgen. Jetzt ist es soweit. Seit 19 Stunden und zwischenzeitlich 29 Minuten bin ich selbstständig. Noch kann ich die Realität nicht ganz fassen. Das Gefühl ist noch zu frisch. Selbstständig.

Jeder von uns hat Träume. Kleine und Große. Welche, die sich ganz leicht in Realität verwandeln lassen und andere, die etwas Zeit brauchen. Ich wusste schon länger, dass der Tag kommen würde, an dem ich mein eigener Chef sein will. Dass er so schnell kommen würde, war mir nicht klar.

Jetzt ist es schon fast ein Monat. Ein Monat in dem ich tatsächlich jede Entscheidung selbst getroffen habe. Treffen musste. Natürlich habe ich auch schon in den letzten beiden Jahren jede Entscheidung für den Blog selbst getroffen, von der ersten Minute an. Trotzdem fühlt es sich seit dem ersten Januar anders an. Weitreichender.

Ich bin glücklich: Ich kann zu vielen Reisen, Events und Aufträgen zusagen, die ich im letzten Jahr hätte absagen müssen. Aus Zeitgründen. Jetzt kann ich mir meine Zeit sehr viel besser einteilen und abwägen. Ich sage nicht zu jedem Event zu und lehne viele Aufträge ab. Nicht nur, weil so viel Zeit dann letzten Endes doch nicht da ist. Sondern auch, weil ich authentisch bleiben möchte. Das große Wort, dass immer wieder in der Blogger-Szene umhergeistert. Authentizität. Ich will keine Verpflichtungen eingehen, bei denen ich ein flaues Gefühl im Bauch habe.

Selbstständig sein, bedeutet auch, dass ich die volle Verantwortung trage. Ich kann niemand anderen für meine Entscheidungen verantwortlich machen.

Der Januar war ein sehr arbeitsreicher Monat. Ich frage mich wieder und wieder wo die 40 oder 50 Stunden sind, die ich im letzten Jahr bei meinem Arbeitgeber im Büro verbracht habe. Gefühlt sind sie verschwunden. Gefühlt habe ich nicht mehr Zeit als vorher. Ich weiß aber, dass es anders ist. Ich teile mir jetzt meine Zeit anders ein. Ich versuche nach 20:00 nicht mehr zu arbeiten. Ich versuche mir zumindest einen Tag am Wochenende komplett frei zu halten.

Ich habe aber auch ein paar Regeln für mich selbst aufgestellt: Ich schlafe in keinem Fall länger als bis 9:00 – oder vielmehr: Um 9:00 will ich spätestens anfangen zu arbeiten. Ich ziehe mich jeden Tag so an, dass ich von einer Minute auf die andere das Haus verlassen könnte. Kein Schlafanzug am Schreibtisch. Auch keine sonstigen seltsamen Gammel-Outfits: Das steigert nicht nur meine Produktivität. Es sorgt auch dafür dass die vielen Paketboten, die jeden Tag zu mir kommen keinen Schreck bekommen. Das war´s auch schon mit den Regeln für meinen Arbeitsalltag. Ich nehme mir auch Freiheiten, die ich früher nicht hatte: Ich laufe Mittags um Vier. Dann habe ich ein kleines Nachmittagstief während dem ich sowieso nicht produktiv bin. Dafür arbeite ich nicht nur bis um Sechs, sondern bis um Acht.

Nach dem ersten Monat ist es vielleicht schwierig schon ein Fazit zu ziehen, sicherlich kann ich kein abschließendes Fazit ziehen. Ich weiß nur, dass ich sehr viel Spaß an meiner Arbeit habe und mich jeden Tag freue. Ich habe meine Entscheidung keinen einzigen Tag bereut. Natürlich macht nicht alles gleich viel Spaß (hallo Buchhaltung!) – aber weil ich es alles für mich mache, ist es nur noch halb so schlimm!